Peter Straub: Esswood House (Buch)
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- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Donnerstag, 24. Februar 2022 08:19

Peter Straub
Esswood House
(Mrs. God, USA, 1990)
Übersetzung: Joachim Körber
Edition Phantasia, 2005, Paperback, 168 Seiten, 12,90 EUR
Rezension von Elmar Huber
„„Es gibt nichts Vergleichbares“, hatte ein anderes, damals noch als Freund angesehenes Fakultätsmitglied zu Standish - dem gutgläubigen, jungen Standish - gesagt. „Der Ort ist trotz allem, was die Bibliothek beherbergen soll, praktisch ein Geheimnis. Er ist noch in Privatbesitz, und die Seneschals akzeptieren nur einen oder zwei Forscher pro Jahr. Offenbar hat sich seit den Ruhmestagen, als Edith Seneschal uneingeschränkt herrschte und Künstler im Westflügel, ganz zu schweigen vom Heuschober, Lustbarkeiten nachgingen, viel verändert. Die Familie lebt noch dort, aber in geregelten - und recht seltsamen - Verhältnissen, munkelt man.“ Er war ein in jeder Hinsicht guter Munkler, dieser vorgebliche Freund.“
Der junge Englisch-Professor William Standish fliegt von New York nach England, um dort, in der berühmten Bibliothek von Esswood House, Recherchen über Leben und Werk von Isobel Standish anzustellen, die selbst eine beträchtliche Zeit auf dem Anwesen verbracht hatte. Insgeheim träumt er davon, eine Biographie zu verfassen, möglicherweise sogar eine Gesamtausgabe ihres literarischen Werkes vorzubereiten. Wahrhaft ein besonderer literarischer Coup, handelt es sich bei Isobel doch um Williams ‚Beinahe-Großmutter‘, nämlich die Schwester seiner Großmutter und die erste Ehefrau seines Großvaters.
Die Besitzer von Esswood House, die Seneschals, gelten als unberechenbar, was die Vergabe und den Rückzug ihrer Stipendien angeht, sollte sich ein Bewerber, aus welchen Gründen auch immer, des Gastrechts als nicht würdig erweisen. So bedeutet die Einladung für Standish eine einmalige Chance, sich einen akademischen Status zu erwerben und sich einen Namen im Literaturbetrieb zu machen. Mit widerstreitenden Gefühlen lässt William also seine schwangere Frau in New York zurück, und tritt seine Reise an.
Schon der Weg vom Flugplatz nach Esswood House wird für Standish zu einer Nervenprobe; nirgends scheint eine vernünftige Ausschilderung und Wegbeschreibung vorhanden. Endlich im Haus angekommen, wird er von einer unbekannten Schönheit empfangen, die ihn an den Verwalter Robert Wall weiterreicht; die Seneschals selbst bekommt Standish nie zu Gesicht. Auf viele, teils skurrile Ereignisse im Haus kann er sich keinen Reim machen, auch Isobels Werke und persönliche Aufzeichnungen geben Rätsel auf. Selbst der Vikar des nahen Ortes ergeht sich in vagen und beunruhigenden Andeutungen: Wenn Standish tatsächlich auf Esswood House wohnen würde, dann wäre er wohl allein dort.
„Auf der anderen Seite befanden sich ein kahler Treppenabsatz aus glanzlosem Holz und eine Flucht schmaler Stufen, die an einem Fenster in einem Erker vorbei nach unten führten und dann auf eine Weise, die Standish fast heimlichtuerisch erschien, weiter abwärts gewendelt verliefen. [...] Nach der dritten oder vierten Krümmung der Treppe sah er hinauf, von wo er gekommen war, konnte aber nur die glatte Haut der Wände und die nackte, steile Spirale der Stufen erkennen. Er fragte sich, ob er den Ausgang zum ersten Stock irgendwie übersehen hatte und in die Waschküche oder das Verließ, oder was immer sie hier im Keller hatten, hinabstieg.“
Der Amerikaner Peter Straub gilt als Meister der Form, was er nicht zuletzt durch seinen „Blaue Rose“-Zyklus („Koko“, Mystery“, „Der Schlund“) untermauert hat, der auf hohem sprachlichem Niveau zwischen Thriller, Drama und Mystery balanciert. Seine Novelle „Esswood House“ beginnt - ebenso redegewandt - wie klassisches Gruselgarn mit einem Protagonisten, der alleine und unsicher auf fremden Terrain agieren muss und dieses Abenteuer schon mit einer grundsätzlichen inneren Unruhe angeht.
Die merkwürdigen Geschichten über Esswood House, die an seiner Universität im Umlauf sind, verfehlen nicht ihre Wirkung. Nervös deswegen, doch gleichzeitig aufgekratzt, seinen akademischen Status mit einem Schlag festigen und gleichzeitig seine eigenen Wurzeln erkunden zu können, entscheidet sich Standish, diese einmalige Chance für seinen akademischen Aufstieg zu nutzen. Im Gegenzug muss er seine schwangere Frau quasi schutzlos in New York zurücklassen, und es besteht die Möglichkeit, dass er bei der Geburt seines Kindes gar nicht anwesend sein wird.
Die befremdlichen Anekdoten, die William Standish auf seinem Weg passieren, die absonderlichen Gepflogenheiten, die in Esswood House herrschen, Gestalten, die nur aus der Ferne zu sehen sind, bis hin zu seinen Träumen, einer ungewohnten sexuellen Spannung und dem Unverständnis der Bevölkerung, wenn er sich als Bewohner von Esswood House zu erkennen gibt, deuten auf eine klassische Geisterhaus-Geschichte. Tatsächlich wollte Peter Straub, wie er im Nachwort schreibt, eine „Geschichte, fünfzig Seiten oder so, über eine Gouvernante schreiben [...], die ein entlegenes Landhaus besucht, um dort zwei sehr verstörte junge Menschen zu unterrichten und zu versorgen“, nur um festzustellen, dass dies bereits Henry James mit dem Geisterhaus-Klassiker „Die Drehung der Schraube“ erledigt hatte und zur Überzeugung kam, dass diesem unbestrittenen Meisterwerk nichts mehr hinzuzufügen ist.
Unter dem Einfluss von Robert Aickman - der Autor sollte zu der Zeit ein Vorwort für Robert Aickmans „The Wine Dark Sea“ schreiben - legte Peter Straub den Fokus der Geschichte auf Standishs malträtiertes Innenleben, und die Handlung von „Esswood House“ nahm einen eher ungeordneten, stimmungsgesteuerten Verlauf. Der Akademiker verliert dabei mehr und mehr den Boden unter den Füßen, und zwar schon sehr viel früher, als dass man es eindeutig verorten könnte. So ist dies dem Leser lange Zeit nicht bewusst, und er wähnt sich immer noch in einer Spukhaus-Geschichte, in der der Schrecken von außen kommt. Peter Straub hinterlässt zwar einige Hinweise, doch sind diese schwer zu entdecken. Erst das langgestreckte und anstrengend zu lesende Finale macht deutlich, dass hier gar nichts mit konventionellen Dingen zugeht. Wie es oft bei Robert Aickman passiert, bietet auch Peter Straub hier kein ‚rundes’ Ende an. Ein literarisches Experiment, von dem Peter Straubs Stammverleger wenig begeistert waren.
Dankenswerterweise wurde das Nachwort in die deutsche Ausgabe übernommen, das des Autors dahingehende Intention und einige Dinge in „Esswood House“ erklärt und den Roman auf diese Art doch noch angenehm abrundet.
Die ursprüngliche, sehr viel kürzere Version der Geschichte mit dem deutschen Titel „Frau Gott“ ist in Peter Straubs Kurzgeschichten-Sammlung „Haus ohne Türen“ enthalten.
Immer mehr verlässt „Esswood House“ die konventionellen Genre-Bahnen, unterläuft die Erwartungen an eine Geistergeschichte und endet in einem experimentellen Strudel.