J. Mertens: Mondo Criminale (Buch)
- Details
- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Donnerstag, 27. Februar 2020 21:02

J. Mertens
Mondo Criminale
Blutwut, 2019, eBook, 4,99 EUR (auch als Taschenbuch erhältlich)
Rezension von Elmar Huber
„„Was sich heute Nacht hier abspielt“, erklärte Rudolf unbeirrt, „ist von wesentlicherer Bedeutung als irgendwelche juristischen Fragen. Wir haben einen Auftrag und stehen unter besonderem Schutz, darauf kannst du dich verlassen. Du solltest also etwas mehr Vertrauen demjenigen gegenüber aufbringen, dem du dienst. Dieser Junge ist die Erfüllung der fünften Posaune. Verstehst du? Wir müssen ihn unbedingt finden.““
In einer einzigen Nacht wird Lüdenscheid zum Zentrum apokalyptischer Ereignisse, als sich dort die Wege verschiedener Personen kreuzen.
Der gewalttätige Freddy ist mit seiner Freundin Karin und deren Bruder Roland unterwegs; Roland ist nicht nur Autist, er verfügt auch über erschreckende paranormale Fähigkeiten.
Ein Spezialagent des militärischen Abschirmdiensts, der über Leichen geht, ist Roland auf der Spur.
Das Diebespärchen Maria und Tommy ist auf der Suche nach einem Unterschlupf, nachdem ihr Überfall auf die Arnsberger Bankfiliale ein Todesopfer gefordert hat.
Ein pädophiler Polizist und sein Kollege, ein Satansjünger, der zusammen mit seinen Religionsgenossen die Ankunft des Auserwählten erwartet.
Ein albanischer Jugendlicher, der in seinem fundamentalistischen National- und Glaubensstolz auf die Terrorschiene rutscht und bereits einige Bomben platziert hat.
Ein merkwürdiger Alter, der, nur mit einem Nachthemd bekleidet, die Straßen von Lüdenscheid durchschreitet.
„Überall in seiner Umgebung verhalten sich die Menschen chaotisch. Fast scheint es so, als hätte er die Macht, das Böse aus ihnen heraus zu kitzeln, selbst wenn sie nicht unmittelbar in seiner Nähe sind. In so ziemlich jeder Stadt, die er bisher durchquert hat, häuften sich solche Ereignisse, und nicht alle davon löste er selbst aus.“
Mit dem episodenhaften „Mondo Criminale“ fackelt J. Mertens einen ungewöhnlichen Thriller ab, der dem Leser kaum die Zeit lässt, um durchzuatmen. Bei keinem der Handlungsstränge hält er sich mit langen Vorreden oder Erklärungen auf. Erst nach und nach zeigen sich die Verbindungen zwischen den parallelen Ereignissen. Neue Puzzle-Teile fügen sich in das Gesamtbild ein, das mehr als einmal eine überraschende Wendung erfährt.
Ähnlich wie in Tarantinos „Pulp Fiction“ verfolgt der Autor abwechselnd die Wege seiner zahlreichen Protagonisten, die sich in verschiedenen Konstellationen treffen und dabei in verhängnisvoller Wechselwirkung stehen.
Schon der Beginn macht deutlich, wie der Hase läuft. Kurzerhand bindet der gewalttätige Freddy den harmlos erscheinenden Roland an einen Baum an und überlässt ihn seinem Schicksal. Kurz darauf erreicht das Bankräuberpärchen Maria und Tommy diese Stelle und befreit den vermeintlich zurückgebliebenen und wehrlosen Jungen, in dem sie eine Gelegenheit für die perfekte Tarnung (als harmlose Familie) sehen. So gerät eine Spirale der Gewalt, der Perversion und des Wahnsinns in Gang, die alle Beteiligten unaufhaltsam in den Abgrund reißt.
Bei diesem irrwitzigen Reigen die Kontrolle zu behalten ist gewiss keine leichte Aufgabe. Autor J. Mertens hat es geschafft. Weder gibt es merkliche Temposchwankungen noch drängen sich Personen in den Vordergrund, und es verkümmern nicht irgendwelche Handlungsstränge. Alles liest sich bemerkenswert ausgewogen und durchgehend kraftvoll. Auch die Gewaltspitzen stehen im Dienst der Handlung und dienen nicht allein dem Selbstzweck.
Der Roman ist bereits 2015 im Selbstverlag erschienen und seit Oktober 2019 bei Blutwut erhältlich sowie auch J. Mertens‘ „Home Invasion“. In der Backlist des Autors warten auch noch einige andere Veröffentlichen, denen sich Blutwut gern annehmen darf.
„Mondo Criminale“ ist ein wilder Genre-Mix-Ritt, der nicht wenige Überraschungen bereithält. Bemerkenswert souverän geschrieben.