Joseph Eckert: The Traveler - Der Zeitenspringer (Buch)

Joseph Eckert
The Traveler - Der Zeitenspringer
(The Traveler, 2026)
Übersetzung: Bernd Sambale
Tor, 2026, Paperback, 526 Seiten, 18,00 EUR

Rezension von Gunther Barnewald

Eines Morgens um genau 7 Uhr 52 gerät die Welt des Scott Treder für immer aus den Fugen. Während er, im Auto sitzend, ganz langsam eine Straße entlangfährt, findet er sich im nächsten Moment über den Asphalt geschleudert; sein Auto verschwindet. Zum Glück wird er nur leicht verletzt, muss jedoch feststellen, dass er einen Tag (genau 24 Stunden) in die Zukunft geschleudert worden ist.

Fast wird er noch überfahren, und während sowohl seine Chefin als auch seine Frau sauer auf ihn sind, muss er erfahren, dass sein fahrerloses Auto in einen geparkten Wagen gekracht ist und längst abgeschleppt wurde.

Aber es kommt noch schlimmer, denn von nun an wiederholen sich die Zeitsprünge jeden Morgen um 7 Uhr 52. Doch mit jedem Sprung verdoppelt sich die zeitliche Entfernung, die Scott in die Zukunft springt. Erst sind es 2 Tage, dann 4, dann 8, dann 16 und so weiter. So werden aus Tagen Monate, dann Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende, sogar Jahrmillionen.

Schon nach 18 Sprüngen (und für ihn mageren 18 Tagen) findet er sich im Jahr 2744 wieder.

Scott will es anfangs nicht wahrhaben, aber er entfremdet sich von seiner Frau und dem 7jährigen Sohn Lyle und dem normalen eigenen Leben zwangsweise immer mehr. Auch Wissenschaftler, die er um eine Untersuchung und Hilfe bittet, können mit dem Phänomen nichts anfangen und finden keine Lösung, ihn davon zu befreien.

Schnell ist klar, dass irgendeine Intelligenz mit unglaublich geistig-technologischem Potenzial dahinterstecken muss, die Scott in die ferne Zukunft zieht. Doch warum und wie, bleibt rätselhaft.

Scotts Sohn Lyle, der sich zu einem begnadeten Naturwissenschaftler entwickelt und sogar eine Art religiöses Buch über seinen Vater schreibt, um diesen in der Zukunft vor eventuellen Übergriffen zu schützen (indem er versucht, diesen zu einer Art von Heiligen zu machen), schafft es ebenfalls nicht, die Zeitsprünge zu unterbrechen. Aber Lyle erschafft eine Art digitalen Computer-Avatar mit einer Bewusstseinskopie von sich selbst und begleitet so seinen Vater in die Zukunft. So kann er diesem mehrfach das Leben retten und vor der Einsamkeit (und geistigem Verfall und Verzweiflung) bewahren.

Deshalb erleben Scott Treder und die Bewusstseinskopie seines Sohns Lyle die Entwicklung und das Vergehen der Menschheit, durch Kriege und Höhepunkte und alle möglichen Widrigkeiten, oft selbst an Leib und Leben gefährdet, um schlussendlich zu erfahren, wer ihm dieses bizarre Schicksal aufbürdete...


Um es vorauszuschicken: Das vorliegende Buch ist eine Wucht, und zwar nicht makellos, aber doch wohl nahe an einem Meisterwerk.

Auch wenn die Charaktere etwas schwach ausfallen und Scott immer nur wenig Zeit hat, etwas über den jeweiligen Zeitabschnitt zu erfahren (hat er doch immer nur 24 Stunden, um sich zu orientieren), gelingt dem Autor ein bestrickendes Portrait zukünftiger menschlicher Entwicklungen. Und eine äußerst spannende, intelligente und abenteuerlich-bunte Geschichte (die leider auf den letzten Seiten etwas lahmt).

Natürlich ist das vorliegende Buch nicht so tiefgründig wie Olaf Stapledons Meisterwerk „Last And First Men“ (dt. „Die letzten und die ersten Menschen“), welches die ganze zukünftige Geschichte der Menschheit im Überblick schildert. Dafür ist Eckerts Roman aber viel spannender und actionreicher.

Scotts Reise erzeugt einfach maximales Lesevergnügen beim interessierten, phantasievollen Lesenden.

Und wer Zeitreise-Geschichten liebt, dem wird das Buch mit Sicherheit sehr gut gefallen. Während viele Zeitreise-Geschichten eher eine Reise in die Vergangenheit schildern (etwa einige der tollen Bücher von Connie Willis, Jack Finneys geniale zweibändige Miniserie „Time and Again“ / „From Time to Time“ (dt. „Das andere Ufer der Zeit“ beziehungsweise „Von Zeit zu Zeit“ / „Im Strom der Zeit(en))“ oder Jodi Taylors kurzweilig-schräge Serie um die Zeithistoriker von St. Marys), beschäftigte sich der berühmte H. G. Wells bereits 1895 mit einer Reise in die Zukunft in seiner berühmten Novelle „The Time Machine“ (dt. „Die Zeitmaschine“; 1960 von George Pal genial verfilmt - leider ohne jenes Kapitel, in der der Zeitreisende aus Versehen in die ganz ferne Zukunft gerät; Eckert greift dieses legendäre Kapitel hier fast wieder auf - etwas mehr Anspielung und Romantik hätte hier aber sicherlich nicht geschadet!). Später schrieb H. G. Wells auch noch den Roman „When the Sleeper Wakes“ (dt. „Wenn der Schläfer erwacht“) über einen Mann, der in der fernen Zukunft erwacht. Ein Roman, der jedoch leider eher nicht überzeugen konnte.

Auch andere Autoren nahmen sich des Themas an oder erschufen ähnliche Geschichten, wobei auffällt, dass diese Bücher meist andere, trivialere Geschichten deutlich überragen (unerträglich schwülstige Ausnahmen wie „Die Frau des Zeitreisenden“ bestätigen hier die Regel; war doch von Rosamunde Pilcher, oder?! ;-)).

Bereits 1933 erschien „The Man Who Awoke“ (dt. „Der Jahrtausendschläfer“, erschienen 1977 in Deutschland als Heyne-Taschenbuch) von Laurence Manning, ein Episodenroman, dessen Teile vorher in einem Pulp-Magazin erschienen waren und die Abenteuer eines Wissenschaftlers schildern, der sich immer wieder per Schlafserum in eine Art Stasis versetzt, um eine ideale Zukunft zu finden, dabei aber leider immer wieder scheitert, da die Zeiten zwar moderner, nicht aber attraktiver oder humaner für ihn zu werden scheinen. Ein Episodenroman, der heute zwar nicht mehr wirklich „Up-to-date“ ist, aber immer noch recht unterhaltsam zu lesen.

Auch Joe Haldeman lässt in seinem Roman „Accidental Time Machine“ (dt. als „Herr der Zeit“, leider mäßig übersetzt und, noch schlimmer, voller Rechtschreibfehler; erschienen bei Mantikore) seinen Protagonisten in die Zukunft reisen und hat hier viele tolle Ideen und schildert ein spannendes Abenteuer, welches gegen Ende sogar die Richtung ändert und eine Reise in die Vergangenheit schildert, da der Held hier seine Reise steuern kann. Ebenfalls kein makelloses, aber ein überdurchschnittlich gutes Werk.

Wirklich überragend ist dagegen Michael J. Sullivans Roman „Hollow World“ (dt. als „Zeitfuge“ bei Heyne), der als einer von wenigen Autoren sich bemühte, eine überwiegend positive Zukunft zu entwerfen (während die meisten Schriftsteller eher Dystopien beziehungsweise Anti-Utopien kreierten, was natürlich viel einfacher erscheint, ist Kritik doch viel einfacher zu erdenken als selbst Positives zu erschaffen; fragen Sie mal mich als Kritiker/Rezensent!).

Ebenfalls überragend ist Ken Grimwoods Roman „Replay“ (dt. als „Das zweite Spiel“ beziehungsweise „Replay - Das zweite Spiel“, ebenfalls bei Heyne), der zwar keine Zeitreise im üblichen Sinne schildert, dessen Protagonist jedoch, nach seinem Tod, immer wieder zu unterschiedlichen Zeitpunkten in seinem eigenen Leben wieder erwacht und dann sein Leben anders gestalten kann. Er kann Alternativen ausprobieren, die seine Biographie völlig verändern, nur um dann wieder und wieder erneut neu eingreifen zu können, nach seinen erneuten Toden. Grandios erzählt, einfallsreich erdacht. Leider scheinbar (meines Wissens nach) das einzige Werk dieses formidablen Autors und brillanten Stilisten.

Joseph Eckerts Buch ist (meines Erachtens nach) in Deutschland seine erste Veröffentlichung. Es bleibt zu hoffen, dass der Autor (im Gegensatz zu Grimwood) noch weitere großartige Werke in petto haben wird in Zukunft. Denn das vorliegende Buch, wenn auch nicht perfekt (blasse Protagonisten, verschenkte Anspielungsmöglichkeiten, „Luftnot“ auf den letzten Seiten), ist sicherlich aller Ehren wert und gehört, neben dem tollen historischen Horror-Roman „Zwischen zwei Feuern“ von Christopher Buehlman, ganz bestimmt zum Besten, was die Phantastik im Jahr 2026 in Deutschland zu bieten hat!