Michael Jensen: Die Schatten der Schuld (Buch)
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- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Donnerstag, 18. Juni 2026 12:22

Michael Jensen
Die Schatten der Schuld
Ellert & Richter, 2026, Paperback, 224 Seiten, 19,95 EUR
Rezension von Christel Scheja
Nach „Zurück unter Mördern“ kehrt Michael Jensen ein zweites Mal nach Hamburg zurück und erzählt in „Die Schatten der Schuld“ von weiteren Verbrechen durch das Nazi-Regime und seinen Mitläufern, wenn auch diesmal unter etwas anderen Vorzeichen.
Seit Jahrzehnten hält die in ganz Hamburg bekannte Mäzenin und Reederin Marle Reinhardt die Fäden in ihrem Unternehmen fest in der Hand und duldet keinen Widerspruch oder gar die Aufarbeitung der Vergangenheit.
Der Festakt zu ihrem 80. Geburtstag wird allerdings durch einen Anschlag auf ihr Leben erschüttert. Der Täter ist ein gleichaltriger Israeli. Danil Baumberger, der eigentlich schon lange in Israel lebt und immer noch unter Blackouts leidet. Was aber verbindet die beiden?
Ausgerechnet Katharina Reinhardt, die Enkelin der Reederin, macht sich auf Spurensuche, denn sie ahnt, dass da etwas nicht stimmt, zumal ihre Großmutter den Vorfall sehr gerne unter den Tisch kehren würde.
Und dabei entdeckt sie etwas, was sie bis ins Mark erschüttert und letztendlich einen anderen Weg als vorgeplant gehen lässt.
Als Leser erfährt man zudem auch die Lebensgeschichte von Danil, dessen psychische Störungen nicht ohne Grund so heftig sind und ihn seit seiner Kindheit begleiten. Denn immerhin wurde er in einem KZ geboren und wuchs an der Seite eines stark traumatisierten Vaters aus - in Jahrzehnten, in denen psychische Probleme noch nicht so beachtet wurden, wie heute.
Neben den eindringlichen Schilderungen, die sich erschreckend realistisch anfühlen, greift Michael Jensen auch ein anderes Thema auf. Die Familie Reinhardt mag ja fiktiv sein, steht aber sinnbildlich für die vielen Unternehmen, die durch die Enteignung jüdischer Firmenbesitzer und Geschäftsinhaber in der Nazi-Zeit profitierten, weil sie auf bereits etablierte Strukturen zugreifen konnten, und teilweise ihren Reichtum auch noch ausbauen konnten, während die Gründer oftmals verarmt emigrierten oder sogar in Konzentrationslagern und Gefängnissen starben. Und das Trauma auch an ihre Kinder weitergaben, wie in diesem Fall so ausführlich geschildert wird.
Das Buch endet immerhin versöhnlich, wirkt aber dennoch lange nach, weil es nahe an der Wirklichkeit bleibt und zum Nachdenken anregt, auch und gerade weil viele Unternehmen diesen Teil ihrer Firmengeschichte bis heute gerne verschweigen.
Die Handlung ist spannend aufgebaut, die Figuren wachsen einem ans Herz und man fühlt mit Ihnen, gerade mit Katharina, die die Wahrheit aufdeckt und dabei auch noch mit ihren eigenen Gefühlen fertigwerden muss.
„Die Schatten der Schuld“ greift gleich mehrere Themen auf, die auch heute immer noch aktuell sind und nicht vergessen werden sollten. Dabei handelt es sich nicht nur um die unrühmlichen Schatten in so manch einer Unternehmensgeschichte, sondern auch um die Traumata, die viele der nach dem Krieg geborenen Kinder von ihren Eltern geerbt haben.