James Islington: The Shadow of What Was Lost (Buch)
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- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Montag, 18. Mai 2026 08:11

James Islington
The Shadow of What Was Lost
Licanius 1
(The Shadow Of What Was Lost, 2014)
Übersetzung: Ruggero Leò
Titelbild: Dominick Saponaro
Adrian, 2026, Paperback, 688 Seiten, 20,00 EUR
Rezension von Carsten Kuhr
Zwanzig Jahre ist es her, dass die Herrschaft der Auguren, magisch begabter Seher, in Blut und Gewalt unterging. Seitdem leben alle Begabten unter Generalverdacht. Die wenigen Überlebenden der Säuberungen, ebenso wie neu entdeckte Talente, stehen unter der erbarmungslosen Kontrolle der Administration. Wer seine Kräfte außerhalb der streng reglementierten Refugien nutzt, wer sich der Fessel oder der Bindung durch den vierten Grundsatz entzieht, bezahlt dafür mit Schmerz - und dem Verlust seiner Magie!
Davian steht kurz vor seiner Prüfung. Seit Jahren wird er ausgebildet, doch die Essenz zu binden gelingt ihm noch immer nicht. Während andere ihre Fähigkeiten meistern, bleibt ihm nur ein verstörendes Talent. Er erkennt Lügen als schwarze Schatten in der Luft. Ausgerechnet diese Gabe aber gilt als Kennzeichen der verhassten Auguren und wird mit dem Tod bestraft. Davian droht nicht nur das Scheitern, sondern die vollständige Blockierung seiner Kräfte und damit, der soziale Absturz in die rechtlose Existenz eines Schattens.
Als ein geheimnisvoller wandernder Ältester ihn und seinen Freund Wirr zur Flucht bewegt, führt ihr Weg gen Norden - dorthin, wo die seit Jahrhunderten bestehende magische Grenze Risse bekommt. Dämonische Wesen tauchen auf, alte Gewissheiten zerbrechen, und plötzlich könnte ausgerechnet jene Macht, die man einst auszurotten versuchte, die letzte Hoffnung der Welt sein…
James Islington hat mit „Will of the Many“ und „Strength of the Few“ eindrucksvoll bewiesen, dass er inzwischen zu den derzeit interessantesten Stimmen der epischen Fantasy gehört. Umso spannender ist der Blick zurück auf seinen Erstling, den Auftakt der „Licanius“-Trilogie, der bereits 2017 bei Knaur unter dem Titel „Das Erbe der Seher“ erschien und nun vom Adrian Verlag neu aufgelegt wird.
Der Autor nennt Raymond Feist und Patrick Rothfuss als prägende Einflüsse - ein bemerkenswert selbstbewusstes Namedropping, schließlich stehen beide für Fantasy, die faszinierenden Weltenbau mit emotionaler Wucht verbinden. Und tatsächlich erkennt man die literarische Herkunft rasch. Den klassischen Coming-of-Age-Plot, den jungen Außenseiter mit verbotener Gabe, die drohende Apokalypse am Horizont. Das alles ist nicht neu. Islington weiß das offenbar selbst. Entscheidend ist daher nicht das „Was“, sondern das „Wie“.
Und genau hier zeigt sich bereits das Talent des jungen Autors. Mit bemerkenswerter Geduld entwirft er eine Welt, die weniger oberflächlich eine archaische Bühne präsentiert, als über sorgfältig konstruierte politische Spannungen und religiös aufgeladene Machtstrukturen offeriert. Hinter der zunächst vertraut wirkenden Oberfläche entfaltet der Text zunächst behutsam, später schneller seine Geheimnisse. Bündnisse verschieben sich, Wahrheiten erweisen sich als Propaganda, und fast jede Figur trägt ihre eigene verdeckte Agenda mit sich herum.
Allerdings fordert der Roman vom Leser auch Geduld. Der Auftakt gerät spürbar behäbig; der Aufbau dominiert lange Zeit Handlung und Dynamik. Wo Rothfuss früh über Atmosphäre verführt und Feist rasch erzählerischen Sog entwickelt, vertraut Islington zunächst ganz auf die behutsame Entwicklung seiner Welt. Das ist literarisch durchaus legitim, kostet aber Tempo und emotionale Unmittelbarkeit. Erst im zweiten Drittel beginnt der Roman jenen erzählerischen Sog zu entfalten, die einen schließlich zuverlässig durch die Seiten zieht.
Stilistisch bleibt Islington dabei eher funktional als sprachlich sonderlich ausgeprägt. Die Stärke des Romans liegt weniger im einzelnen Satz als in der Konstruktion des großen Ganzen - in der Architektur seiner Welt, der Verzahnung der Mysterien und dem Gefühl einer uralten Ordnung, die unaufhaltsam zu zerbrechen beginnt. Ruggero Leòs stimmige Übersetzung transportiert diese Mischung aus klassischer High Fantasy und moderner Plot-Mechanik souverän ins Deutsche.
So bleibt am Ende ein Roman, der vielleicht nicht die sprachliche Eleganz eines Rothfuss erreicht, wohl aber dessen Gespür für Mythos und Geheimnis teilt. Nach anfänglich zähem Aufbau entwickelt sich „The Shadow of What Was Lost“ zu einer packenden High-Fantasy-Queste voller Intrigen, verbotener Mächte und sorgfältig platzierter Enthüllungen - ein Frühwerk, das bereits deutlich erkennen lässt, weshalb James Islington heute zu den spannendsten Namen des Genres zählt.