Oliver Plaschka: Die Geister von La Spezia (Buch)
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- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Mittwoch, 08. April 2026 12:05

Oliver Plaschka
Die Geister von La Spezia
Titelbild: Frederico Musetti
Hobbit Presse, 2026, Hardcover, 416 Seiten, 25,00 EUR
Rezension von Carsten Kuhr
Oliver Plaschka entführt uns nach Genua. Wir befinden uns im Jahr 1822. Hier lebt die junge Schriftstellerin Mary Shelley in der Nähe des Anwesens, das Lord Byron bewohnt. Ihr Mann, der Dichter Percy Bysshe Shelley, ist bei einem rätselhaften Schiffsunglück ums Leben gekommen.
Während sie noch um ihren Mann trauert, tritt die geheimnisvolle Ermittlerin Pat Colombari in ihr Leben, angeblich beauftragt von Shelleys Vater, um die Umstände des Todes zu untersuchen. Pat ist beileibe keine gewöhnliche Detektivin. Mithilfe einer eigentümlichen Apparatur ist sie in der Lage, in die Erinnerungen anderer Menschen einzutauchen - nicht nur in Marys, sondern auch in jene ihres berühmten Umfelds: Lord Byron, John Polidori, Claire Clairmont und weitere Figuren des literarischen Zirkels.
Auf diese Weise entfaltet sich die Handlung als eine vielschichtige Spurensuche durch subjektive Erinnerungsräume, die zunehmend erkennen lässt, dass hinter Percys Tod und der Entstehung von „Frankenstein“ weit mehr steckt als bloße biografische Zufälle.
Je tiefer Pat vordringt, desto deutlicher wird, dass Mary selbst ein Geheimnis verbirgt - und dass die Grenze zwischen Erinnerung, Einbildung und etwas Übernatürlichem gefährlich durchlässig ist…
Man begegnet nicht allzu häufig Romanen, die sich mit einer solchen Ambition zwischen historischer Rekonstruktion, spekulativer Phantastik und erkenntnistheoretischem Spiel ansiedeln wie Oliver Plaschkas vorliegender Einzelroman „Die Geister von La Spezia“. Der Stoff ist ebenso verheißungsvoll wie anspruchsvoll. Mary Shelley im Jahr 1822, kurz nach dem Tod ihres Mannes Percy Bysshe Shelley, wird zur zentralen Figur einer Erzählung, die nicht weniger unternimmt, als die Entstehungsbedingungen von „Frankenstein“ neu zu deuten - und dies mittels einer fiktiven Technik, die Reisen durch Erinnerungen erlaubt.
Schon der Auftakt entfaltet eine beträchtliche Sogwirkung. Die Atmosphäre ist dicht, von einer eigentümlich flirrenden Unruhe durchzogen; das Meer, das Wetter, die Trauer der jungen Witwe - all das fügt sich zu einem stimmungsvollen Tableau.
Mit der Figur der Pat Colombari betritt eine ebenso modern emanzipierte wie geheimnisvolle Ermittlerin die Bühne, deren Fähigkeit zur „Mnemambulie“ (oder Mnemoskopie) den Plot treibt. Die Grundidee ist ebenso einfach, wie bestechend. Erinnerung wird hier nicht als statisches Archiv begriffen, sondern als subjektiv gefärbter, potenziell trügerischer Raum, der sich aus unterschiedlichen Perspektiven erfahren lässt.
Gerade in diesen Passagen zeigt sich Plaschkas Stärke. Wenn Pat sich durch die Bewusstseinsräume historischer Figuren bewegt - durch die Erinnerungen Mary Shelleys, Lord Byrons oder Edward John Trelawnys -, entstehen Szenen von bemerkenswerter Unmittelbarkeit. Die Eigenheiten der jeweiligen Figuren spiegeln sich in der Beschaffenheit ihrer Erinnerungen. Hier begegnen uns der Heros insbesondere Byrons, das Verdrängte, das durch Drogen Vernebelte. Es gelingt dem Roman, eine reizvolle Verbindung aus literarischer Charakter-Studie und spielerischer Reflexion über die Unzuverlässigkeit des Erinnerns zu bilden.
Allerdings ist die Struktur der Erzählung recht komplex, vielfach gebrochen und arbeitet mit Rückgriffen, Verschachtelungen und Perspektivwechseln, die den Leser zunehmend fordern. Erinnerungen zweiter und dritter Ordnung überlagern einander; Realität und Imagination vermischen sich miteinander. Manches Mal verliert man die Gewissheit, in wessen Bewusstsein man sich gerade befindet - ein Effekt, der zwar gewollt sein mag, die Lektüre jedoch erheblich erschwert.
Hinzu kommt eine auffällige Überbevölkerung des Romans. Die Vielzahl historischer und fiktiver Figuren, oft mit wechselnden Anreden und Spitznamen versehen, erschwert die Orientierung. Beziehungen bleiben diffus, Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, ohne nachhaltige Kontur zu gewinnen. Der Eindruck einer gewissen Unübersichtlichkeit verstärkt sich noch dadurch, dass zentrale Begriffe und technische Konzepte - Apparaturen, Organisationen, rätselhafte Entitäten wie „Derelikte“ oder körperlose Begleiter - nur fragmentarisch erklärt werden.
Auch die Rahmenhandlung um Pat Colombari bleibt eigentümlich offen. Ihre Herkunft, ihre Einbindung in ein größeres Gefüge, die Funktionsweise ihrer Instrumente - all dies wird lediglich angedeutet.
Dennoch besitzt der Roman unbestreitbare Qualitäten. Seine Atmosphäre ist eindringlich, stellenweise geradezu unheimlich; die Verbindung von historischen Fakten und spekulativer Fiktion zeugt von erheblicher Recherche-Arbeit. Besonders im letzten Drittel, wenn sich die verschiedenen Erzählstränge verdichten und die phantastischen Elemente stärker in den Vordergrund treten, entfaltet die Geschichte noch einmal eine beträchtliche Spannung.
Vor allem aber bleibt Pat Colombari als Figur in Erinnerung - als Anker in einem ansonsten bewusst instabil gehaltenen Gefüge. Auch der immer wieder aufblitzende, leicht skurrile Humor setzt willkommene Kontrapunkte zur dichten, oft düsteren Grundstimmung.
So hinterlässt „Die Geister von La Spezia“ einen leicht zwiespältigen Eindruck. Es ist ein Roman, der auf einer großartigen Idee aufbaut, dabei mit bemerkenswerter atmosphärischer Kraft erzählt, der jedoch an der Komplexität seiner eigenen Konstruktion zu tragen hat. Wer bereit ist, sich auf die nicht immer einfache Erzählweise einzulassen, wird mit einer ungewöhnlichen Lektüre belohnt.