Alexander Pechmann: Die Bibliothek der verlorenen Seelen (Buch)

Alexander Pechmann
Die Bibliothek der verlorenen Seelen
Eine Reise durch die Weltliteratur der Geister, Dämonen und Spukgestalten
Titelbild und Innenillustrationen: Paloma Tarrío Alves
Steidl, 2026, Hardcover, 286 Seiten, 34,00 EUR

Rezension von Carsten Kuhr

Alexander Pechmann ist dem geneigten Leser durch einige phantastische Romane („Die Nebelkrähe“, „Die zehnte Muse“ oder „Sieben Lichter“) ein Begriff. Zu diesen erzählenden Veröffentlichungen gesellten sich über die Jahre einige Sekundärwerke („Die Bibliothek der sieben Meere“ und „Die Bibliothek der verlorenen Bücher“), in denen er sich mit Verve und hintergründigem Humor einem ernsten, wissenschaftlich angehauchten Thema widmet.

Nun legt sein Hausverlag Steidl in gewohnt gediegener Ausstattung (Hardcover, bedruckter Leineneinband, Fadenheftung, Innenillustrationen und Lesebändchen) ein weiteres derartiges Werk vor.

 

Den Inhalt fasst der Verfasser im Untertitel „Eine Reise durch die Weltliteratur der Geister, Dämonen und Spukgestalten“ treffend zusammen. Einmal mehr hat er Hunderte von Büchern gewälzt, sich eingelesen und recherchiert, um den Ursprüngen und der Entwicklung jener Themen nachzuspüren, die Geister, Dämonen und Spukgestalten betreffen.

Um es vorwegzunehmen: Auch Pechmann kann und will uns nicht verraten, ob es so etwas wie Geister, Dämonen oder Erscheinungen tatsächlich gibt.

Die Suche nach ihnen jedoch ist - wie er eindrucksvoll zeigt - ein Wesenszug, der den Menschen seit den frühen Hochkulturen umtreibt. Bereits an Euphrat und Tigris in Mesopotamien (Gilgamesch) beschäftigt den Menschen die Frage: Was geschieht mit uns, wenn wir sterben? Gibt es eine, wie auch immer geartete, bewusste Existenz der Verstorbenen? Geister wären ein Beweis dafür, dass es nach dem Tod weitergeht.

Im Verlauf der sieben - eigentlich eher fünf, lässt man Vor- und Nachwort außer Acht - chronologisch geordneten Kapitel erläutert Pechmann zunächst den Unterschied zwischen Geistern (zu einem Drittel göttlich, zu zwei Dritteln menschlich) und Dämonen (zu zwei Dritteln göttlich, zu einem Drittel menschlich). Er geht dabei auf unterschiedliche Kulturkreise ebenso ein wie auf Überlieferungen und Sagen.

Der Autor führt eine Vielzahl von Verfassern an - von weltbekannten bis hin zu beinahe vergessenen Stimmen (Daniel Defoes mir unbekannte Erzählung sei hier exemplarisch genannt) - und zeigt, dass die Schöpfer von Geistergeschichten immer wieder persönliche Schicksalsschläge und unerklärliche Erfahrungen in ihrer Prosa verarbeiteten. Die Grundmotive wurden dabei über Generationen weitergegeben. Das Geisterhaus, der aus dem Grab Wiederkehrende, das Opfer eines Verbrechens. Diese werden von den Autoren jeweils zeitgemäß variiert und als Ausgangspunkt für immer neue, und doch vertraute Plots genutzt.


Das Buch liest sich dabei erstaunlich unterhaltsam und flüssig. Statt einer trockenen Abhandlung von Daten und Fakten erwartet den Leser eine lebendige Darstellung. Man merkt Pechmann an, dass er aus eigener Lektüre schöpft und seine Eindrücke von Texten und deren Verfassern einfließen lässt.

Insgesamt ist ihm eine überraschend umfassende Abhandlung über Geistergeschichten, ihre Ursprünge und Entwicklungen gelungen, in der er zugleich der Frage nachgeht, warum uns diese Erzählungen überhaupt so sehr faszinieren.