Thomas Olde Heuvelt: Orakel (Buch)
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- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Donnerstag, 13. März 2025 12:43

Thomas Olde Heuvelt
Orakel
(Orakel, 2024)
Übersetzung: Julian Haefs
Heyne, 2025, Paperback, 654 Seiten, 18,00 EUR
Rezension von Gunther Barnewald
Eines Tages erscheint ein altes, vor Jahrhunderten längst im Meer versunkenes Schiffswrack auf einer niederländischen Wiese. Jeder, der das Wrack betritt, verschwindet, während die Schiffsglocke wie eine Art Totenglocke dazu läutet.
Der Schüler Luca Wolf ist einer der wenigen, der das Wrack nicht betritt, während seine Schulkameradin, deren Vater und auch sein eigener Vater genau diesen Fehler begehen.
Bald wird das unheimliche Wrack abgesperrt und heimlich abtransportiert, während eine skrupellose geheime Regierungsorganisation alle Spuren verwischt, denn natürlich folgt man der Idee, eine Waffe aus diesem Spuk zu machen (was auch, zumindest im Fall eines unerwünschten muslimischen Journalisten, vom saudi-arabischen Geheimdienst so genutzt wird - der Fall Jamal Khashoggi lässt hier grüßen -, eine völlig unnötige und unpassende Nebenhandlung in dieser Geschichte!).
Ein US-amerikanischer Fachmann für Übersinnliches (es handelt sich dabei um Robert Grimm, einen älteren Herren, der den Lesern des Autors schon aus dessen Erstlingswerk namens „Hex“ vertraut ist) versucht, das Geheimnis des bedrohlichen Wracks zu entschlüsseln, während immer mehr Menschen ihr Leben lassen und die Toten als eine Art Untote wieder auftauchen mit immer bedrohlicheren Botschaften.
Eine uralte Gottheit scheint wieder erwacht und fordert menschliche Opfer, um Schlimmeres zu verhüten. Nur Robert Grimm und der junge Luca Wolf scheinen in der Lage, dem Unheil Einhalt zu gebieten - oder sind sie auch nur wehrlose Opfer oder gar Werkzeuge des Bösen…?
Die hier vorliegende Geschichte ist sehr düster, durchgängig geprägt von Paranoia und weist einen hohen Body Count auf (also in diesem Fall: viele Tote).
Obwohl spannend erzählt und durchgängig clever konstruiert, leidet die gewaltsatte Erzählung etwas unter den klischeehaften Figuren, die man leider recht problemlos in gute und böse Personen einteilen kann. Auch der mystische Hintergrund der Geschichte gerät nicht wirklich sehr überzeugend, das Ende hinterlässt einen mehr als faden Beigeschmack (die moralische Botschaft ist aus meiner Sicht extrem zweifelhaft).
Möglicherweise hatte der Autor dies gar nicht so beabsichtigt, aber die Opferung von Menschenleben an bösartige, mächtige Gottheiten, um andere Leben zu retten, sollte eigentlich hinter uns liegen (passt aber vielleicht in die aktuelle Zeit, in der sogar alte Zöpfe wie Kolonialismus, Rassismus und Frauenverachtung „fröhliche“ Urstände feiern).
Des Autors Stärke ist zweifelsohne die Erschaffung beeindruckender, überwältigender Bilder im Kopf des Lesers. Das alte Schiffswrack auf der Wiese oder der finale Shoot-out auf der zerstörten Bohrinsel sprechen hier für sich. Auch die Tatsache, dass die Geschichte trotz 650 Seiten durchgängig spannend und interessant bleibt, zeigt Thomas Olde Heuvelts brillante schriftstellerische Fertigkeiten.
Leider können weder der Inhalt noch die erschaffenen Charaktere hier auch nur ansatzweise mithalten, die tolle Atmosphäre wird immer wieder durch eine Ladung von Klischees oder nervige Stereotypen konterkariert (die völlig überflüssige Nebenhandlung mit dem beseitigten muslimischen Journalisten ist einfach nur völlig unnötig und widerwärtig).
Insgesamt also ein sehr ambivalentes Werk, mit deutlichen Stärken aber auch krassen Schwächen.
Wer niveauvollen und intelligenten Horror will, der sollte vielleicht eher zu Matt Querys und Harrison Querys wunderbarem Roman „Old Country - Das Böse vergisst nicht“ vom gleichen Verlag greifen, ein echtes Meisterwerk. Wem allerdings „Hex“ gefallen hat und wer wissen will, wie es mit Robert Grimm weitergeht, der kann auch dieses Buch lesen, auch wenn es längst nicht so überzeugend geworden ist wie Thomas Olde Heuvelts toller Erstling.