Kai Meyer: Das Alphabet der Masken (Buch)

Kai Meyer
Das Alphabet der Masken
Knaur, 2026, Hardcover, 428 Seiten, 24,00 EUR

Rezension von Carsten Kuhr

Vorhang auf für den fünften Roman, der uns erneut in das Leipziger Graphische Viertel entführt - jenen faszinierenden Mikrokosmos aus Verlagshäusern, Druckereien und Antiquariaten, in dem sich Literaturgeschichte und düstere Geheimnisse auf ebenso reizvolle, wie unheilvolle Weise miteinander verbinden.


Im Prolog, der im Jahr 1913 spielt, lernen wir Amelia Lux, ihre Halbschwester und jene Familie kennen, in die ihre Mutter eingeheiratet hat. Während ihre Schwester eine weiße Hautfarbe besitzt, stammt Amelias unbekannter Vater von den Seychellen. Für ihren wohlhabenden Stiefvater ist das Mädchen ein Makel, den es zu beseitigen gilt. Er will das ungeliebte „Kohlekind“ loswerden und verfrachtet Amelia kurzerhand zwangsweise in ein Kloster - mit tatkräftiger Unterstützung ihrer eigenen Mutter und Halbschwester.

 

Im Jahr 1930 ist Amelia nach Leipzig zurückgekehrt, in die Stadt der Bücher und ins Herz des Graphischen Viertels. Den Kontakt zu ihrer Familie, die sie seit ihrer zwangsweisen Entfernung aus dem Elternhaus verleugnet, hat sie längst abgebrochen. Als ihr Vater stirbt - ihre Mutter liegt zu diesem Zeitpunkt bereits seit Monaten im Koma -, meldet sich ihre Stiefschwester bei ihr.

Im Nachlass sind rätselhafte Exlibris aufgetaucht. Sieben gravierte Kupferdruckstöcke mit geheimnisvollen Masken-Motiven. Geschaffen wurden sie offenbar von einer gewissen L. Gora. Was zunächst wie eine kunsthistorische Kuriosität anmutet, gewinnt eine unheilvolle Dimension, als kurz darauf eine Mordserie beginnt. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den mysteriösen Druckstöcken und den Verbrechen?

Der zweite Handlungsstrang führt uns ins Monaco der frühen 1970er Jahre. Der Student Timm, der bei seinem Onkel - einem erfolgreichen Bestseller-Autor - Unterschlupf gefunden hat, erhält von seiner Nachbarin, einer hochbetagten Baronin, einen ungewöhnlichen Auftrag: Er soll mehr über die weitgehend unbekannte okkulte Künstlerin L. Gora herausfinden. Unterstützt von seinem Onkel und der Bediensteten der Baronin, begibt er sich auf Spurensuche. Doch bald zeigt sich, dass dieser Forschungsauftrag alles andere als harmlos ist. Als seine Auftraggeberin ermordet wird, ahnt Timm, dass er einem alten Geheimnis auf die Spur gekommen ist, für dessen Bewahrung noch immer Menschenleben geopfert werden…


Wie wir es von Kai Meyer kennen und schätzen, präsentiert er uns auch diesmal eine ebenso eigenwillige wie reizvolle Mischung aus Kriminal-Roman, phantastischen Elementen und kenntnisreich vermittelter Geschichte des Leipziger Graphischen Viertels.

Den aufkommenden Nationalsozialismus blendet der Autor dabei keineswegs aus. Vielmehr verwebt er die Verbrechen und Machtmechanismen des NS-Regimes mit den Geheimnissen um dämonisch anmutende Motive, arrangierte Ehen, Korruption und menschliche Machtgier. Historische Wirklichkeit und phantastische Elemente verbinden sich dabei scheinbar mühelos und heben den Roman weit über einen gewöhnlichen Kriminalfall hinaus.

Besonders angetan hat es mir diesmal das Motiv der sieben Masken. Die Exlibris, ihre Druckstöcke und ihre geheimnisvolle Schöpferin bilden das verbindende Element der beiden zeitlich weit auseinanderliegenden Handlungsstränge. Ein ungewöhnlicher Einfall, der nicht nur für eine geheimnisvolle Grundstimmung sorgt, sondern Meyer auch die Möglichkeit eröffnet, ganz unterschiedliche Themen miteinander zu verknüpfen. Den systematischen Bücherraub des NS-Regimes, rassistische Ausgrenzung und die zerstörerische Macht verdrängter Familiengeheimnisse.

Was mir an Meyers Erzählweise immer und auch vorliegend besonders gefällt, ist seine Fähigkeit, aus solchen scheinbar unzusammenhängenden Elementen ein neues, stimmiges Ganzes zu formen. Früh eingestreute Hinweise und Indizien scheinen zunächst mitunter nebensächlich, entfalten ihre eigentliche Bedeutung aber dann im letzten Drittel des Romans. Dort greifen die Fäden ineinander, und aus den verstreuten Puzzle-Teilen entsteht ein Gesamtbild, das mich durchaus zu überraschen vermochte, ohne dass die Auflösung konstruiert oder willkürlich wirkt. Gerade diese Balance zwischen Überraschung und Folgerichtigkeit ist für mich eine der großen Stärken des Autors.

Hinzu kommt die für Meyer typische atmosphärische Dichte. Er versteht es, historische Schauplätze lebendig werden zu lassen und zugleich eine unterschwellige Bedrohung aufzubauen, die sich durch die gesamte Handlung zieht. Die sorgfältig recherchierten Hintergründe sind dabei weit mehr als bloßes Dekor. Sie verleihen der Geschichte Tiefe und machen gerade die Passagen über das Graphische Viertel zu einem besonderen Vergnügen für alle, die sich für die Geschichte des Buches und des Buchhandels in Deutschland interessieren.

So hat mich auch der fünfte Ausflug ins Graphische Viertel überzeugt. Vor allem das originelle Masken-/Exlibris-Motiv, die geschickte Verknüpfung der beiden Zeitebenen und Meyers Talent, historische Abgründe mit phantastischen Ideen zu verbinden, machen den Roman für mich zu einer ausgesprochen gelungenen Lektüre. Besonders schätze ich, dass sich die Spannung nicht allein aus der Frage speist, wer hinter den Verbrechen steckt. Mindestens ebenso reizvoll ist es, nach und nach zu begreifen, welche historischen, familiären und okkulten Geheimnisse sich dahinter verbergen.

Wer die bisherigen Romane aus dem Graphischen Viertel mochte, dürfte auch hier auf seine Kosten kommen. Für mich jedenfalls ist Kai Meyer erneut eine Geschichte gelungen, die Krimi-Spannung, historische Tiefenschärfe und phantastische Einfälle auf überzeugende Weise zusammenführt - und die nach der Lektüre noch ein wenig nachwirkt.