Adrian Tchaikovsky: Der Symbiont (Buch)

Adrian Tchaikovsky
Der Symbiont
(Alien Clay, 2024)
Übersetzung: Andreas Decker.
Piper, 2026, Paperback, 448 Seiten, 18,00 EUR

Rezension von Gunther Barnewald

Die Erde der Zukunft wird von einer brutalen Diktatur, die sich Das Mandat nennt, beherrscht. Schnell ist man hier ein Dissident, wenn man sich gegen das rigorose System auflehnt.

So wie Professor Arton Daghdev, der zur Strafe zum Exoplaneten Kiln geschickt wird, und dies vermittels einer sehr rüden, menschenverachtenden Methode, nämlich gefriergetrocknet in einem Einwegraumschiff, welches über dem Planeten zerfällt und alle Überlebenden, mit Fallschirmen versehen, dort abwirft. Verluste an „Menschenmaterial“ sind bei dieser brachialen Vorgehensweise einkalkuliert und nicht so wichtig. Die Schergen des Unrechtssystems werden viel sanfter nach Kiln expediert. 

Daghdev hat Glück und kommt heil auf dem einzigen Exoplaneten an, den man inzwischen entdeckt hat, der nicht nur eine für Menschen überlebensfähige Atmosphäre aufweist, sondern auch dereinst wohl eine Zivilisation hervorgebracht hat. Diese scheint jedoch aktuell verschwunden und die hiesigen Sporen sind wohl sehr ansteckend für die Menschen, so dass man sich in der Natur nur gut geschützt aufhalten kann.

Da Daghdev ein verurteilter Dissident ist, wird er trotz hochgradiger Qualifikation als Exobiologe sehr schlecht behandelt, während der dortige Lagerkommandant und seine „Hofschranzen“ diverse Privilegien genießen.

Infizierte Menschen werden oft zur Abschreckung für alle aufbewahrt und ausgestellt und zeigen eine merkwürdige Langlebigkeit.

Weil Daghdev nichts anderes übrigbleibt, stürzt er sich in die Forschung und entdeckt bald Erstaunliches, was ihm nicht nur die Freiheit wiedergeben könnte, sondern auch das ganze perfide diktatorische System des Mandats für immer hinwegfegen könnte. Doch der Preis dafür ist hoch...


Tchaikovskys neuer Einzelroman ist einerseits eine geniale Ideenschau (wenn auch nicht wirklich neu), andererseits aber auch ein derber emotionaler Runterzieher, denn die Brutalität, mit der hier mit Menschen umgegangen wird, erinnert schon an die übelsten Diktaturen der Vergangenheit (wer hier an Hitler oder Stalin denkt, liegt wohl richtig!).

Trotzdem sind die detaillierte Ausarbeitung und die wunderbare Grundidee es auf jeden Fall wert, sich dem Buch zu widmen. Auch wenn der Plot nicht wirklich neu ist (wer etwa den alten Roman „Planet des Todes“ von Hans Kneifel aus dem „Perry Rhodan“-Universum kennt, Alan Dean Fosters Werk „Midworld“ (in deutscher Übersetzung: „Die denkenden Wälder“), oder gar an Stanislaw Lems berühmtes, zweimal verfilmtes Buch „Solaris“ denkt, wird hier viel wiederfinden von deren Ideen) und man diese Wendung schon recht früh ahnt, ist Tchaikovskys Erzählung doch inhaltlich recht starker Tobak.

Vor allem die bedrückende, geradezu atemabschnürende Atmosphäre macht dem Autor so schnell keiner nach. Wer „1984“ (George Orwell), „Wir“ (Jewgeni Samjatin) oder „Schöne neue Welt“ (Aldous Huxley) zu schätzen weiß, der kann sicherlich auch mit dem vorliegenden Werk etwas anfangen.

Wer gerne seine heile Welt in aktuell erfolgreicher Cozy-Literatur sucht, der sollte unbedingt die Finger von dieser erschreckend derben Geschichte lassen, denn düsterer als der Autor es hier zelebriert, wird es kaum noch.

Demgegenüber steht allerdings eine hervorragend erdachte Geschichte, deren Niveau hoch ist und deren Plot noch immer (trotz der inhaltlich ähnlichen literarischen Vorgänger) zu überzeugen und zu gefallen weiß.

„Der Symbiont“ ist ein ambivalentes Buch, bei dem man maximal von intellektuellem Vergnügen sprechen kann, weniger jedoch von reinem Lesevergnügen (es sei denn man ist sadomasochistisch veranlagt).

Wer also harte Grusel-Geschichten von hohem Niveau mag, dem wird dieser Roman sicherlich gut gefallen. Für die anderen heißt es: Finger weg, bevor sie verbrennen!