Andreas Gruber: Jakob Rubinstein (Buch)

Andreas Gruber
Jakob Rubinstein
Goldmann, 2026 Paperback, 368 Seiten, 14,00 EUR

Rezension von Gunther Barnewald

Jakob Rubinstein ist ein jüdischstämmiger Privatermittler aus Wien, der immer wieder in merkwürdige Fälle hineingezogen wird, die oft mit dem österreichischen Innenminister Rohrschach zu tun haben, der nicht nur illegale Forschungen betreiben lässt, sondern auch kein Problem damit hat, Menschen wie Schachfiguren zu benutzen.

Autor Andreas Gruber hat für die Neuauflage seiner Geschichten um den smarten Detektiv nicht nur eine Überarbeitung seines Episodenromans hingelegt, er hat auch noch eine weitere, etwas längere Geschichte als Abschluss der Serie hinzuaddiert („Finale in der Hofburg“).

So weist der Band nunmehr sechs interessante Fälle auf, die oftmals tief im phantastischen Genre verwurzelt sind.

 

In der ersten Episode („Der fünfte Fahrgast“) verschwindet ein kleines Mädchen spurlos, nachdem die Mutter sie an den Bahnhof gebracht hatte. Die Grundschülerin hatte in einem Plandampfzug zu ihrem Vater nach Deutschland fahren sollen, war dort jedoch nie angekommen. Leider weiß die etwas nachlässige Mutter nicht einmal, ob die Tochter den Zug bestiegen hat oder auf dem Bahnhof in Wien schon verschwand.
Bei seiner Nachforschung entdeckt Rubinstein, dass das Mädchen zwar den Zug bestiegen hat, jedoch nicht nur sie, sondern jeder Passagier des einen Waggons verschwunden ist.
So nach und nach tauchen alle einzeln wieder auf (außer dem Mädchen), aber an völlig unterschiedlichen Orten: Darmstadt, Innsbruck, Hamburg, München. Jeder geistig verwirrt, mit derangierter, zerrissener und verkohlter Kleidung und nicht ansprechbar.
Rubinstein geht dem Fall nach und besteigt den nächsten Plandampfzug, der am gleichen Wochentag und zur gleichen Zeit eine Woche später Wien verlassen soll und wird prompt selbst Opfer dieses Phänomens...

Im zweiten Fall („Das Pendelmetronom“) wird die Schwester von Rubinsteins gutem Freund, dem schwulen Kolumnisten Nicolas Gazetti, nur mit Unterwäsche bekleidet auf dem Randstreifen einer Autobahn gefunden und in die Psychiatrie gebracht, da sie geistig verwirrt und völlig desorientiert ist. Auch hier recherchiert Rubinstein erfolgreich die wissenschaftlichen Hintergründe der Tat...

In der dritten Episode („Der mysteriöse Tod von Eduard Kaminsky“) wird der gleichnamige bekannte Künstler kurz vor der Eröffnung seiner Ausstellung angeblich ermordet. Rubinstein, Besucher der Vernissage, ermittelt hier ebenfalls erfolgreich und stellt fest: Kaminsky ist gar nicht tot. So wie einige andere berühmte österreichische Persönlichkeiten, die aber alle angeblich vor Kurzem zu Tode kamen. Doch warum sind sie verschwunden und wohin?

Beim vierten Fall („Die spurlos Verschwundene“) soll Rubinstein für einen Kunden in dessen Vergangenheit recherchieren. Als der Detektiv für diesen Kunden dessen ehemalige Freundin aufspüren soll, entdeckt Rubinstein, dass die Erinnerungen des Mannes komplett gefälscht worden sind. Der Mann ist Opfer eines wissenschaftlichen Experiments eines Forschungsinstituts...
Danach muss sich Rubinstein in „Das Mosaik des Todes“ mit dem schmalen Oeuvre eines Künstlers beschäftigen, der bisher nur wenige, leicht gruselige und aufsehenerregende Mosaike gestaltet hat. Diesen Werken sagt man jedoch einen desaströsen Fluch nach, der immer wieder zum Tode von Menschen führt. Rubinstein wird selbst Zeuge, wie die Wiedereröffnung eines Wiener Bades fast zur Todesfalle für ein Kind wird und rettet dem Mädchen das Leben.
Ein mysteriöser reicher Bewunderer will die Mosaike unbedingt alle erwerben, auch jenes im Schwimmbad. Zudem gibt es ein angeblich noch verborgenes Werk des Künstlers. Rubinstein spürt dieses auf und wird beinahe selbst Opfer des „Fluchs“, der allerdings nur allzu irdisch ist...

Im sechsten und letzten Fall („Finale in der Hofburg“) kommt es endlich zum Zusammentreffen zwischen Rubinstein und dem intriganten Minister Rohrschach. Dieser hat seine Behörde mit manipuliertem Trinkwasser versehen lassen, welches eine Droge enthält, die alle Mitarbeiter zu willenlosen Gefolgsleuten macht, um die Wirkung der neu entwickelten Substanz zu erforschen. Nur er selbst und seine Führungsriege bleiben verschont, da für diese Menschen anderes Trinkwasser geliefert wird. Als Rubinstein und Gazetti sich in die Wiener Abwasserkanäle in Anspielung auf den weltberühmten Spielfilm „Der dritte Mann“ zur Untersuchung begeben, entdecken sie schnell die fiese Intrige...


Der vielleicht stärkste weil einprägsamste und auch spannendste Fall dürfte wohl die wunderbare Geschichte mit den Mosaiken sein. Hier gelingt Gruber nicht nur eine clevere Konstruktion des Falls, auch die Atmosphäre und seine Beschreibungen der Kunstwerke stechen heraus.

Auch andere Geschichten überzeugen und erzeugen beim Lesenden großes Lesevergnügen. Sogar die etwas schwächere sechste Erzählung macht immer noch Spaß, auch wenn viele Storys bezüglich des Plots an den Haaren herbeigezogen wirken.

Vor allem die unglaubwürdigen Recherche-Ergebnisse von Rubinsteins Sekretärin, die per Internet fast die Fälle im Alleingang löst, dürften wohl nicht allzu ernstgenommen werden. Dies ist sicher ein kleines Manko, welches man aber nicht allzu ernstnehmen sollte!

Denn eigentlich und ganz offensichtlich ist der vorliegende Episodenroman keine „ernsthafte“ Literatur, sondern eine wunderbar schräge Schnurre voller skurriler Ideen und Charaktere. Für Lesende mit Hang zu trockenem Humor und spleenigen Sujets genau die richtige Lektüre.

Eine Neuauflage, die absolut lohnt für alle, die diesen gewitzt-sampathischen Helden und seine bunte Truppe von „Assistenten“ noch nicht kennen und die SF auch im Gewand nicht allzu handfester naturwissenschaftlicher Prämissen genießen können.