Pablo Valcárcel Castro: Dream of the Jet-Black City (Buch)

Pablo Valcárcel Castro
Dream of the Jet-Black City
(Dream of the Jet-Black City, 2026)
Übersetzung: Kerstin Fricke
Titelbild: Tom Roberts
Knaur, 2026, Paperback, 572 Seiten, 18,00 EUR

Rezension von Carsten Kuhr

Mit „Dream of the Jet-Black City“ legt Pablo Válcarcel Castro einen Erstlingsroman vor, der zwischen düsterer Fantasy, Gesellschaftsroman und magischer Coming-of-Age-Geschichte angesiedelt ist.

Der Roman entführt in die Stadt Onyxia, einen faszinierenden Ort, über dem unaufhörlich die gewaltige „Motherstorm“ tobt und in dem Träume und Albträume reale Gestalt annehmen können.

Dabei verbindet Castro originelles Worldbuilding mit einer vielschichtigen Handlung, die ebenso von politischer Intrige wie von persönlichem Verlust, Hoffnung und Widerstand geprägt ist.


Im Mittelpunkt stehen drei Figuren, deren Schicksale sich nach und nach miteinander verweben.

Der junge Ash verdient seinen Lebensunterhalt als Blitzjäger. Gemeinsam mit seiner Crew fängt er die magischen Blitze des Muttersturms ein, bis eine Begegnung mit einem Albtraum sein Leben verändert. Um sich zu retten, erschafft er den Panther Omen - ein Wesen aus Schatten und Licht. Damit offenbart er eine seltene Begabung als „Träumer“ und gerät ins Visier der Akademie, die talentierte Magiebegabte zwangsrekrutiert oder sie in lebenslange Abhängigkeit von reichen Gönnern treibt.

Parallel dazu verliert Schwester Daerna zunehmend den Glauben an ihren Orden. Während ihre Gemeinschaft die ewige Sturmgewalt mit Trauergesängen besänftigen soll, breitet sich in den Armenvierteln eine rätselhafte Seuche aus. Daerna beginnt gegen die Gleichgültigkeit der Mächtigen zu kämpfen und sucht nach den Ursachen der Krankheit.

Die dritte Perspektive gehört Geyl, einer Monsterjägerin und Überlebenden der berüchtigten Akademie. Die grausamen Ausbildungspraktiken haben sie körperlich und seelisch gezeichnet. Als sie auf ein junges Mädchen mit magischer Begabung stößt, setzt sie alles daran, diesem Kind das Schicksal zu ersparen, das sie selbst erleiden musste.

Was zunächst wie drei unabhängige Geschichten wirkt, verdichtet sich zunehmend zu einem größeren Konflikt um Macht, soziale Ungleichheit und die Zukunft Onyxias.


Die größte Stärke des Romans ist zweifellos seine Welt. Castro erschafft mit Onyxia eine Stadt, die ebenso märchenhaft, wie bedrohlich wirkt. Besonders gelungen sind die den Kapiteln vorangestellten Auszüge aus fiktiven Büchern, philosophischen Traktaten, oder religiösen Schriften. Diese Fragmente verleihen der Welt historische Tiefe und erinnern entfernt an die literarischen Spielereien eines Umberto Eco oder Jorge Luis Borges. Die gewaltige Bibliothek, die bereits in den ersten Kapiteln eine zentrale Rolle spielt, gehört zu den atmosphärisch stärksten Schauplätzen des Romans.

Auch das Magiesystem überzeugt weitgehend. Die besondere Gabe, Träume in Realität zu wandeln, besitzt einen eigenständigen Reiz und bietet zahlreiche kreative Möglichkeiten. Allerdings bleibt der Traumbegriff eher metaphorisch als psychologisch. Die Magie basiert stärker auf Vorstellungskraft als auf den irrationalen, oft surrealen Mechanismen tatsächlicher Träume. Hier verschenkt der Roman etwas Potenzial.

Die drei Hauptfiguren sind dabei sorgfältig ausgearbeitet und tragen die Handlung mühelos. Besonders Geyl sticht hervor: Ihre innere Zerrissenheit, die traumatischen Erfahrungen in der Akademie und ihr Wunsch, andere vor demselben Schicksal zu bewahren, machen sie zur vielleicht interessantesten Figur des Romans. Aber auch Ash und Daerna gewinnen durch ihre moralischen Konflikte und persönlichen Verluste an Tiefe.

Nicht ganz so überzeugend ist das Erzähltempo. Castro hat eine Fülle von Ideen, Fraktionen, religiösen Konzepten, politischen Konflikten und magischen Besonderheiten in seinen Roman gepackt. Dadurch entsteht zwar eine beeindruckende Komplexität, gleichzeitig hetzen die Figuren oft von einer Gefahr in die nächste. Ruhigere Passagen, die dem Leser Gelegenheit geben würden, die faszinierende Welt und ihre Bewohner noch intensiver kennenzulernen, sind vergleichsweise selten. Manche Nebenfiguren und Handlungsstränge hätten von zusätzlichem Raum profitiert.

„Dream of the Jet-Black City“ ist so ein ambitioniertes Fantasy-Debüt, das mit origineller Weltgestaltung, einer starken Atmosphäre und glaubwürdigen Figuren punktet. Zwar leidet der Roman gelegentlich unter seiner eigenen Ideenfülle und einem atemlosen Erzählrhythmus, doch die Stärken überwiegen deutlich. Wer komplexe, düstere Fantasy mit politischer Dimension, außergewöhnlicher Magie und reichhaltigem Worldbuilding schätzt, findet hier einen vielversprechenden Auftakt.