Rick Riordan & Mark Oshiro: Das Gericht der Toten - Nico & Will 2 (Buch)
- Details
- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Dienstag, 02. Juni 2026 14:05

Rick Riordan & Mark Oshiro
Das Gericht der Toten
Nico & Will 2
(The Court of the Dead, 2025)
Übersetzung: Gabriele Haefs
Titelbild: Helge Vogt
Carlsen, 2026, Hardcover, 492 Seiten, 18,00 EUR
Rezension von Carsten Kuhr
Nico di Angelo und Will Solace versuchen nach ihrer traumatischen Reise durch den Tartarus, wieder so etwas wie Normalität in ihr Leben einkehren zu lassen. Doch Nico kämpft weiterhin mit seinen Ängsten, die sich in Gestalt seiner Kakodämonen - er nennt sie Schoko-Pops - manifestieren.
Eigentlich sollen die beiden als erfahrene Bewohner des Camp Half-Blood die zahlreichen neuen Halbgötter willkommen heißen und einweisen. Doch ein dringender Hilferuf durchkreuzt ihre Pläne. Nicos Halbschwester Hazel, die er einst ins Leben zurückholte, benötigt seine Hilfe.
Auch das Camp Jupiter in Kalifornien steht vor einer ungewöhnlichen Herausforderung. Diesmal suchen keine Halbgötter Schutz, sondern Monster - oder vielmehr „Mythenwesen“, wie sie selbst genannt werden möchten. Inspiriert von Nicos und Wills früheren Abenteuern hoffen sie auf die Chance zu einem friedlichen Leben.
Die Neuankömmlinge stoßen jedoch keineswegs überall auf offene Arme. Misstrauen und Vorurteile prägen die Stimmung im Lager. Besonders die Empousa Arielle wird von der Legionärin Savannah gehasst, da Wesen ihrer Art einst deren Eltern töteten. Die Spannungen zwischen Halbgöttern und Mythics nehmen stetig zu.
Als schließlich mehrere Mythenwesen spurlos verschwinden, geraten die ohnehin fragilen Verhältnisse vollends aus dem Gleichgewicht. Gemeinsam beginnen Nico, Will und Hazel zu ermitteln und stoßen auf eine Spur, die sie zu einem verborgenen Gerichtshof tief unter San Francisco führt…
Erneut hat sich Rick Riordan die Unterstützung von Mark Oshiro gesichert. Wie schon bei „Reise ins Dunkel“, dem ersten gemeinsamen Abenteuer von Nico und Will, bleibt dabei offen, wie groß Riordans tatsächlicher Anteil am Schreibprozess war und ob er nicht eher die Rolle eines kreativen Supervisors einnahm.
Inhaltlich greifen die Autoren eine Reihe hochaktueller Themen auf. Im Mittelpunkt stehen Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung, die gezielte Manipulation öffentlicher Meinungen und die Instrumentalisierung von Angst. Angesichts weltweiter Fluchtbewegungen und einer politischen Kultur, in der Schutzsuchende zunehmend als Sündenböcke dienen, entfaltet der Roman eine bemerkenswerte Gegenwartsnähe. Daneben beschäftigen sich Riordan und Oshiro mit Einsamkeit, Traumata, Selbstakzeptanz und der Frage, wie man mit den Narben der Vergangenheit weiterleben kann.
Diese Themen werden keineswegs subtil behandelt, sondern klar und deutlich angesprochen. Dennoch gelingt es den Autoren, sie unauffällig in die Handlung einzubetten. Zwar benötigt die Handlung etwas Anlaufzeit - erst nach gut einem Viertel der Seiten gewinnt die Handlung merklich an Fahrt -, doch anschließend entwickelt sich ein packendes Abenteuer, in dem sich dramatische Ereignisse und überraschende Wendungen beinahe überschlagen.
Gerade die Perspektive Nicos verleiht der Geschichte zusätzliche emotionale Tiefe. Mit ihm erleben die Leser die Gefahren, Rückschläge und Zweifel unmittelbar mit und verfolgen gespannt, wie er sich den Herausforderungen stellt.
Zugleich kreist der Roman immer wieder um eine zentrale Frage: Können sich Wesen tatsächlich ändern? Haben selbst jene eine zweite Chance verdient, die einst als Feinde galten? Die Antwort darauf fällt ebenso differenziert, wie hoffnungsvoll aus.
So erweist sich der Roman nicht nur als spannendes und kurzweiliges Fantasy-Abenteuer, sondern auch als nachdenkliche Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und persönlichen Konflikten. Damit fügt sich die Geschichte nahtlos in den „Percy Jackson“-Kosmos ein und erweitert ihn um einige relevanten Themen.