Caro Claire Burke: Yesteryear (Buch)
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- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Mittwoch, 06. Mai 2026 08:34

Caro Claire Burke
Yesteryear
(Yester Year, 2026)
Übersetzung: Dietlind Falk und Lisa Kögeböhm
Heyne, 2026, Hardcover, 462 Seiten, 24,00 EUR
Rezension von Gunther Barnewald
Die US-amerikanische SF-Autorin Caro Claire Burke legt hier ihren ersten und sehr fulminanten Roman vor.
Noch vor der Besprechung hier ein ausdrückliches Lob für den absolut gelungenen Buchumschlag, den man aber leider erst sieht, wenn man den eher uninteressanten Schutzumschlag entfernt hat. Wie ein romantisches und realistisches Gemälde liegt hier ein alter, amerikanischer Bauernhof mit Vieh vor einem, bei dem gerade eine altmodisch gewandete Frau mit Haube den Hof aus gestampfter Erde überschreitet, die, da man sie nur von hinten sieht, aber ein Handy (den Bildschirm dem Zuschauer zugewandt) in der Hand hält und wohl gerade nach einem Netz sucht. Ein ebenso genialer wie für das Buch und seinen Inhalt passender Entwurf, ist die hier abgebildete rote Scheune doch wohl eindeutig die in dem Buch beschriebene (Yesteryear-Ranch).
In der Geschichte geht es um eine US-amerikanische Influencerin, die gigantischen Erfolg auf Instagram und ganz viele Follower hat. Sie ist eine der berühmtesten Tradwifes (verkörpert also das frühere Ideal von der Frau am Herd und als Mutter vieler Kinder, dem Mann devot untergeordnet) in den USA, lebt in Idaho und wuppt, trotz fünf Kindern und einer sechsten Schwangerschaft, scheinbar mühelos ihr Leben mit Mann, Bauernhof, kleinen Kindern und Instagram-Auftritten vom perfekten Leben.
Doch eines Tages wacht die junge Frau auf, und alle moderne Technik und all die vielen Helfer (die aber im Internet nie auftauchen durften), die sie heimlich auf der Farm und bei der Kinderbetreuung hatte, scheinen verschwunden. Keine Heizung mehr, keine landwirtschaftlichen Fahrzeuge, keine Nachbarn oder Medizin mehr, keine Technik. Ihr Kinder scheinen verändert zu sein und auch bei ihrem Mann Caleb ist sich Natalie Heller Mills nicht mehr sicher, ob er der Mann ist, den sie einst heiratete. Was ist bloß mit ihrem scheinbar so perfekten Leben passiert?
Danach erzählt die Autorin, wie Natalie so erfolgreich werden konnte und vor allem, wie viele heimlich Helfer sie dereinst beschäftigte, die nie von der Kamera gesehen werden durften, um zu einer der führendsten Influencerinnen der westlichen Welt zu werden, die den Frauen vorgaukelt, dass man allein zu Hause am Herd als Frau bedingungslos glücklich werden kann und nebenbei noch ein Kind nach dem anderen in die Welt setzt.
Der Lesende entdeckt immer mehr vom irrwitzig riesigen Lügengebäude, welches Natalie im Laufe der Zeit für die Kamera erschaffen hat. Wie unglücklich sie doch mit dem wohlhabenden, aber tumben Ehemann ist, der ihr, vor allem dank seines reichen und bedeutenden Vaters (langjähriger Senator und dann auch noch Präsidentschaftskandidat der USA), Vieles ermöglicht, aber kein erfülltes Leben (vor allem sexuell nicht, bekommt er doch nur beim Porno-Konsum richtig einen hoch, nicht aber bei ihr!). Und vor allem: Was ist mit Natalie passiert, die sich doch plötzlich in einer völlig primitiven Welt wiederzufinden scheint?
Dabei gelingt der Autorin eine recht glaubhafte Auflösung (die hier nicht verraten werden soll), die aus dem scheinbar phantastischen Buch dann doch noch einen äußerst realistischen Mainstream-Roman macht.
Selten hat jemand sein Publikum so genarrt wie Burke, denkt man doch beim Lesen sehr lange im Genre der Phantastik unterwegs zu sein. Wie die Autorin alle Fäden zum Schluss wieder zusammenholt, ohne diese allzu sehr ausfransen zu lassen, das ist schon eine Verbeugung wert.
Und auch wenn es keine Phantastik ist, so macht das vorliegende Buch doch großen Spaß beim Lesen (sieht man von dem etwas zu hohen Gesamtgewicht der Printausgabe ab, die einem tatsächlich einen dreiwöchigen Besuch eines Fitness-Studios erspart durch Buchstemmen!).
Wunderbar, wie die Autorin die Verlogenheit der sozialen Medien beziehungsweise deren Macher (vor allem auf Instagram) hier entlarvt und wie sehr sie hier menschliche Eitelkeit und Oberflächlichkeit geißelt.
Wem die ultrakonservativen religiösen Eiferer in den USA schon immer ein Dorn im Auge waren, der kommt hier voll auf seine Kosten. Denn die hier vorgestellte Ranch namens Yesteryear ist mehr als nur ein Potemkinsches Dorf, die Geschichte ist eine Münchhauseniade vom Allerfeinsten. Alle Lesenden fragen sich schon sehr bald: Soll man Mitleid mit der Protagonistin haben oder trifft es abgrundtiefe Verachtung doch eher?
Dass auch die Kinder hinter dieser Fassade einer heilen Welt brutal unter die Räder kommen, ist nur zu offensichtlich, wird von der Autorin aber erst gegen Ende so richtig thematisiert.
Nachteil der Erzählung: Es gibt hier fast keine netten, sympathischen Menschen. Alles dient einem zutiefst reaktionären Zweck und Weltbild, welches Werbung für ein unmöglich zu lebendes Leben machen soll, welches in keinem Fall erstrebenswert ist, jedoch jederzeit genauso dargestellt wird von vielen Männern, die gerne eine devote und gehorsame und treue Ehefrau an ihrer Seite sähen, während sie selbst allen Neigungen frönen, die ihnen in den Sinn kommen. Manchmal werden sie dabei sogar von einigen Frauen unterstützt, die nicht verstehen, in welche nachteilige Ecke sie sich damit manövrieren.
Feindbild für alle Natalie Heller Mills dieser Welt sind dabei alle Feministinnen („zornige Weiber“), die ein scheinbar falsches Leben führen, selbst wenn sie nur für Gleichberechtigung und ein freies Leben nach eigenem Gusto eintreten. Und somit für die Selbstbestimmung der Frau.
Dabei gelingt es der Autorin, ihre wichtige Botschaft äußerst spannend und atmosphärisch dicht zu verpacken. Das vorliegende Buch ist einfach rundum gelungen, auch wenn es ihm an sympathischen Figuren etwas mangelt. Die große Spannung und der tolle Plot machen dies jedoch mehr als wett!