Cameron Sullivan: The Red Winter - Macht ist eine hungrige Bestie (Buch)
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- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Samstag, 28. Februar 2026 07:35

Cameron Sullivan
The Red Winter - Macht ist eine hungrige Bestie
(The Red Winter. 2026)
Übersetzung: Jochen Schwarzer
Titelbild: Christina Mrozik
Tor, 2026, Hardcover, 572 Seiten, 26,00 EUR
Rezension von Carsten Kuhr
Er wandelt seit Jahrhunderten über die Erde. Die Rede ist von Sebastian Grave - wie er sich derzeit nennt. Ein Mann voller verborgener Talente: ein arkaner Magier, Wirt eines Dämons und vielleicht - neben dem Erzengel Michael - der Einzige, der die Bestie, die erneut die französische Region Gévaudan heimsucht, ausschalten kann.
Einst, beinahe eine Generation ist es nun her, war er, nachdem er die Verbrennung der Jeanne d’Arc nicht verhindern konnte, in seiner Rolle als griechischer Professor bereits einmal im Département. Damals verbreitete eine mordlüsterne, unbesiegbare Bestie Angst und Schrecken. In der Gestalt eines riesigen Bären manifestierte sich der Dämon Avstamet, einst besser bekannt unter der Bezeichnung des Gottes Ares oder Mars, und richtete ein Blutbad sondergleichen an.
Damals entsandte der französische König seinen königlichen Leutnant der Jagd; weitere Jägersleute zog die Aussicht auf Ruhm und Beute an. Unter ihnen auch unser Sebastian, der seinen nicht alternden Körper seit ein paar Jahrhunderten mit dem Dämon Sarmodel teilt.
So lernte er Antoine, den Sohn des Barons d’Ocerne, kennen und lieben. Nun sucht dessen Sohn ihn auf und bittet um Hilfe.
Erneut macht eine Bestie die Region unsicher, und nur er kann - vielleicht - helfen. Auf dem Weg über die Alpen erzählt unser Sebastian nicht nur von den Ereignissen vor gut 20 Jahren, er muss auch erkennen, dass der Sohn seiner verflossenen Liebe selbst ein dämonischer Gestaltwandler ist…
Was ist das für ein Roman-Erstling, den uns der Verfasser aus Down Under hier kredenzt? Recht gut recherchiert lässt er die Welt des 18. Jahrhunderts auferstehen, vermeidet es dabei aber, uns in die bekannten Zentren - Paris, Rom oder London - zu entführen. Stattdessen geht es in die französische Provinz.
Hier greift er den alten Mythos um eine bestialische Bestie auf, hinter der sich bei ihm ein antiker Gott verbirgt. Markus Heitz hat sich dem Thema in „Ritus“ eher über die Geschichte eines Werwolfs angenähert.
Sullivan erzählt in zwei größeren, alternierenden Handlungsebenen von der Hatz unseres Sebastian auf den alten Gott. Inkludiert hat er dabei eine einfühlsame - aber nie im Zentrum stehende - Liebesgeschichte zwischen zwei Männern, zahlreiche pointierte Anmerkungen zum korrupten Klerus und zu machtgierigen Adeligen. Zudem berichtet er von späteren Vorgängen, die Sebastian einmal mehr mit dem Erzengel Michael und einem habgierigen Bischof in Kontakt bringen.
Die beiden Handlungsstränge sind geschickt über unseren Erzähler miteinander verbunden, bieten viele interessante Informationen, jede Menge historischer Fakten und viel Dramatik. Die Darstellung der beiden Wesenheiten im Körper des Professors - Mensch und Dämon, die sich seit Jahrhunderten ein Gefäß teilen - wirkt durch die munteren, teils zynischen Dialoge sehr unterhaltsam. Hierzu kommt, dass der Autor sich von der Französischen Revolution inspirieren lässt. Das hungernde, ausgebeutete einfache Landvolk rebelliert gegen den unersättlichen Adel und Klerus, steht, bedroht durch Hunger und Not auf, um für ihre Rechte einzufordern und mit brennender Fackel die Paläste zu stürmen.
Zum großen Finale hin begeht der Verfasser jedoch einen typischen Anfängerfehler. Er übertreibt es mit Wendungen, Gefahren und Kämpfen ein wenig. Hier wäre weniger mehr gewesen. Tempo, Dramatik und Blutzoll sind hoch, der Plot fasziniert dennoch.
Bezeichnend ist, dass Tor Books den Band im angloamerikanischen Raum als Erstlingswerk gleich im Hardcover debütieren lässt. Auch S. Fischer, wo man nicht alle Titel für den hiesigen Markt übernimmt, hat sich dem angeschlossen. Man ist sich jenseits wie diesseits des Atlantiks sicher, hier einen Treffer für die Buchhandlungen zu landen.
Und tatsächlich liest sich der Roman kurzweilig und spannend, zieht uns die Geschichte in ihren Bann. Hätte man den Schluss ein wenig entkernt, wäre der Roman noch eindringlicher gewesen - aber auch so weiß er zu fesseln.