Tade Thompson: Fern vom Licht des Himmels (Buch)

Tade Thompson
Fern vom Licht des Himmels
(Far from the Light of Heaven, 2021)
Übersetzung: Jakob Schmidt
Golkonda, 2022, Paperback, 380 Seiten, 20,00 EUR

Rezension von Carsten Kuhr

Michelle „Shell“ Campion stammt aus einer mehr als angesehenen Familie. Ihr Vater Haldene Campion, ein legendärer Astronaut, der vor mehr als einem Jahrzehnt im Weltraum spurlos verschwand, ihre Brüder Toby und Hank haben international Karriere gemacht.

Shell tritt in die Fußstapfen ihres Vaters und macht sich als erster Maat des Raumschiffs „Ragtime“ auf den Weg ins All. Ihre erste und vermutlich einzige Mission: die Reise zur Koloniewelt Bloodroot, die im Tiefschlaf der Schlafkapseln hin und zurück grob 20 Jahre dauern wird. Eigentlich braucht man sie gar nicht, doch zur Überwachung der bordeigenen KI ist immer ein Mensch vorgeschrieben. Über die Lagos-Station, die von hauptsächlich schwarzen Afrofuturisten gegründet wurde, geht es nach Bloodroot.

Als Shell am Ende ihrer Reise erwacht, muss sie entsetzt feststellen, dass etwas aber auch so etwas vor schiefgegangen ist! Die KI wurde ihrer höheren Funktionen beraubt, 31 der schlummernden Passagiere von den Service-Bots ermordet und zerstückelt im Recyler deponiert und durch die Gänge des Schiffes pirscht ein großer, künstlicher Wolf!

Ihr Notruf ruft Rasheed Fin, ein in Ungnade gefallenen Repatriierer von Bloodroot und dessen künstliche Partnerin Salvo auf den Plan. Als diese das im Orbit befindliche Schiff erreichen, verdächtigt Fin zunächst Shell, wird aber angesichts der fortschreitenden Angriffe auf sie schnell eines Besseren belehrt. Kurz darauf gesellen sich noch von der Lagos-Sation kommend, deren Gouverneur Lawrence Biz, ein pensionierter Astronaut und alter Freund von Shells Vater, sowie dessen halbmenschliche Tochter Joké zu den Ermittlern.

Es beginnt ein nervenzerfetzender Wettlauf mit dem unbekannten Mörder. Immer scheint dieser den Ermittlern einen Schritt voraus zu sein, manövriert sie ein ums andere Mal aus. Die Situation wird lebensbedrohlich, als der Täter das Schiff sabotiert…


Wir kennen und schätzen Tade Thompson durch seine gefeierte „Wormwood“-Trilogie, deren ersten Band - und leider auch nur diesen - Golkonda vor einiger Zeit vorlegte.

Vorliegend präsentiert er uns eine sehr gelungene Synthese aus Science Fiction und Kriminalroman mit ein paar Horror-Versatzstücken. Es geht zunächst um das Rätsel, wer für die Taten verantwortlich ist, wie die Morde überhaupt stattfinden konnten und warum. Das erinnert zu Beginn ein klein wenig an die Romane von Agatha Christie, geht dann aber letztlich doch ganz andere, eigene Wege. Ein Miträtseln ist mangels Hinweisen nicht möglich.

Die räumlich zunächst sehr begrenzte Bühne des Raumschiffs bietet sich als durchaus real wirkende Kulisse an. In dieser begeben wir uns mit den Protagonisten auf die Suche nach Motiv und Täter. Es wird eine spannende Jagd, die durch die permanenten Angriffe auf die Ermittler zusätzlich mit jeder Menge Dramatik und Spannung ergänzt wird.

Die Figuren sind wunderbar vielschichtig gezeichnet. Im Verlauf der Bedrohungslage und der Ermittlungen werden diese immer deutlicher mit Historie hinterfüttert und entwickeln sich weiter.

Bis gut zur Hälfte des Romans bestimmt die Suche den Plot. Dann, für mich unerwartet, erfahren wir, wer und warum hinter den Morden steckt. Plötzlich, fast unmotiviert, wechselt die Perspektive von den an Bord gefangengehaltenen Ermittlern zum Täter. Obzwar das Motiv nachvollziehbar ist, die hier zutagetretende, deutliche Gesellschaftskritik stimmig eingebaut wurde, liegt eine Zäsur vor, die den Handlungsfaden zunächst recht abrupt kappt. Auch unsere Ermittler kommen dem Geschehen nicht deduktiv auf die Spur, sondern werden von den Offenbarungen überrollt. Hier stockt der Lesefluss kurz, ist der Rezipient, wie unsere Erzähler, plötzlich in einer anderen, passiveren Rolle.

Doch die Auflösung des Rätsels nutzt Thompson um uns dann vom weiteren Geschehen zu berichten. In Streifzügen erfahren wird vom weiteren Schicksal der Ermittler, wird der Roman ganz anders als erwartet zu Ende geführt.

Thompson hat eine interessante, gelungene Mischung aus SF und Krimip-Plot vorgelegt, in dem uns neben dem Rätsel insbesondere die wunderbar interessant gezeichneten, fehlerbehafteten Figuren fesseln.