Marie Brennan: Die Naturgeschichte der Drachen - Lady Trents Memoiren 1 (Buch)

Marie Brennan
Die Naturgeschichte der Drachen
Lady Trents Memoiren 1
(A Natural History of Dragons) 
Übersetzung: Andrea Blendl
Titelbild und Innenillustrationen: Todd Lockwood
Cross Cult, Taschenbuch, 2017, 394 Seiten, 14,00 EUR, ISBN 978-3-95981-503-1 (auch als eBook erhältlich)

Rezension von Carsten Kuhr

Was erwartet man von einer jungen Frau in der viktorianischen Zeit? Nun, sie soll ihre Ballkarte füllen, sich einen Adeligen aus angesehener Familie angeln und fürderhin als Ehefrau über das Anwesen, die zu gründende Familie und die Bediensteten wachen. Es gilt Bälle auszurichten, in die Oper zu gehen und… war da nicht noch was? Ja, die Sache mit dem Nachwuchs wird auch noch, verschämt zwar, angegangen.

 So geht es auch Isabella, die allerdings schon im zarten Alter von sieben Jahren bewies, dass sie ein rechter Wildfang war. Statt sich sittsam im Sticken und dem Tanz zu üben, untersuchte sie Funklinge, schloss sich, natürlich in Verkleidung, einer Drachenjagd an und organisierte aus der väterlichen Bibliothek wissenschaftliche Werke zum Selbststudium.

Da ist es wenig überraschend, dass sie ihren Ehemann in der fürstlichen Menagerie bei der Betrachtung von Drachen kennenlernt. Dass dieser, ganz unüblich zu seiner Zeit, seine Frau nicht als hübsche Begleitung und Heimchen am Herd, sondern als gleichberechtigte Forscherin akzeptiert, ermöglicht es Isabell Lady Trent sich einer Expedition ins wild-romantische, sprich unwirtliche Vystrana anzuschließen.

Zusammen wollen sie die dort lebenden Drachen erforschen, die seit einiger Zeit vermehrt und ganz unüblich auch Menschen angreifen. Dass sie dabei einer perfiden Verschwörung, Schmugglern und Mördern ebenso auf die Spur kommen wir einem Drachenfriedhof, erweist sich als ebenso erkenntnisreich wie tragisch…


Die Memoiren einer der ersten Forscherinnen ihrer Ära liegen vor, respektive hinter mir. Natürlich befinden wir uns in einer fiktiven Welt, die eng an das Viktorianische Empire angelehnt ist. Als Besonderheit hat die Autorin ihre Welt mit lebenden Drachen bereichert, deren Erforschung unserem Freigeist ein inneres Bedürfnis, ja eine Obsession ist.

Beachtenswert ist dabei, der dem Roman - der erste einer kleinen Reihe von Memoiren Lady Trents - unterschwellig beigegebene sozial-politische Kontext. Hier erhebt eine selbstbewusste Frau ihre Stimme, eine Vorkämpferin für Gleichberechtigung - und die Suffragette wirkt dabei durchgängig glaubwürdig und nie aufgesetzt. Stattdessen lebt sie ihren Feminismus, berichtet mit viel augenzwinkernden Humor aber auch entwaffnender Offenheit von ihren Fehlern, Eigenheiten und Marotten. Das liest sich überraschend interessant und spannend, auch - vielleicht gerade weil - man auf ganz große Action-Szenen vergebens wartet. Im Mittelpunkt steht eine in Details glaubwürdig beschriebene Welt die ihren besonderen Reiz aus dem Nebeneinander vertrauter Elemente - die viktorianische Welt und der wilden Bergwelt der abgelegenen Gebiete - zieht. Die Figuren sind liebevoll gezeichnet, ihre Entwicklung bleibt nachvollziehbar, die Exotik durch Schmuggler und Drachen sorgt für die nötige Dramatik.

So präsentiert sich das Buch als überraschend intelligente, faszinierende Lektüre um die Erforschung des Wildtiers der geflügelten Lindwürmer, präsentiert uns ein Zeitbild einer vergangenen Epoche und bricht unprätentiös eine Lanze für Gleichberechtigung.