Tim Curran: Nightcrawlers - Kreaturen der Finsternis (Buch)
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- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Donnerstag, 04. August 2016 10:08

Tim Curran
Nightcrawlers - Kreaturen der Finsternis
(Nightcrawlers, 2014)
Übersetzung: Markus Müller
Titelillustration: Arndt Drechsler
Festa, 2016, Paperback, 264 Seiten, Euro 13,95, ISBN 978-3-86552-441-6 (auch als eBook erhältlich)
Rezension von Carsten Kuhr
Es beginnt damit, dass eine Elektrizitätsfirma die Rechte für eine neue Überlandleitung in einem vergessenen Landstrich im Nirgendwo erwirbt. Kurz darauf rollen die Bagger an, die etwas zu Tage fördern, was besser für immer im Boden verborgen geblieben wäre. Leichen werden von den Baggern an die Erdoberfläche geschaufelt, angefressene Tote, viele Überbleibsel von verblichenen Menschen.
Der Ermittler Kenney wird ins ländliche Wisconsin, genauer gesagt nach Bellac entsandt, den Vorfall zu untersuchen. Bellac ist ein einsamer Landstrich mit verödeten Feldern, dicht bewaldeten Niederungen und grauen, maroden, lange aufgegebenen Farmhäusern. Als man, unterstützt vom örtlichen Sheriff, die nähere Umgebung in Augenschein nimmt, widerfährt ihnen Unerklärliches. Merkwürdige weiße Wesen greifen sie an, drei Deputys verschwinden spurlos. Kenney macht sich auf, das Rätsel zu lüften. Vom örtlichen Sheriff erhält er Hinweise auf die Vorkommnisse, die seit mehr als zwei Generationen Clavitt Fields und die Ezren-Grundstücke heimsuchen.
Schon die Indianer wussten von einem Stein aus dem Himmel zu berichten, der tief eingeschlagen wochenlang gebrannt hat. Seitdem verschwinden immer wieder Leichen vom örtlichen Friedhof, werden Tiere aber auch Kinder entführt. Als die Beamten über einen Brunnen in das unterirdische Gewirr von Gängen, engen Stollen und Durchgängen in Höhlen eindringen wartet bereits etwas auf sie - etwas das hungrig ist, etwas, das sie warmherzig empfängt und umwandelt…
Tim Curran ist schon lange kein Geheimtipp mehr, insbesondere bei uns erfreut sich der Autor höchster Wertschätzung, hat eine feste Fangemeinde und erscheinen seine Bücher in diversen Verlagen. Dabei präsentiert er sich als ebenso versierter wie wandlungsfähiger Autor. Seine Themen reichen von klassischem Horror über Western bis hin zum Thriller und: Auf all diesen Gebieten kann er überzeugen.
Der verlagsseitige Waschzettel zitiert bei vorliegendem Roman eine Internetseite, die den Plot als „Verbeugung vor H. P. Lovecraft“ tituliert. Natürlich ist dies irreführend und wird dem Roman auch nicht gerecht. Curran hat es schlicht nicht nötig, eine mehr oder minder gelungene Anlehnung auf die Großen Alten vorzulegen, er geht eigene Wege. Dabei nutzt der Autor gängige Horror-Sujets (die heimgesuchte ländliche Gegend, das Böse aus dem All, die Leichenfresser in ihren unterirdischen Tunnelsystemen, Schändung von Friedhöfen etc.) weidlich, mischt dies dann aber zu einem ganz eigenen, in sich rundem Ganzen. Die wenigen handlungsrelevanten Figuren werden glaubwürdig gezeichnet, die Handlung selbst eilt stramm voran, Längen finden sich keine.
Es gelingt Curran sehr geschickt, uns mit seinem Plot einzufangen. Zunächst rätseln wir mit, was in der gottverlassenen Gegend eigentlich vor sich geht, erfahren über unseren Ermittler von den Vorgängen in der Vergangenheit, bekommen immer wieder persönliche Schicksale aufgetischt, die die Handlung vorantreiben.
Das bewirkt einen gewissen Sog, der uns in die Handlung hineinzieht. Dass er eine ländliche, friedliche Gegend - in der Bauern noch mit ihrer Natur in Einklang leben und sich von ihrer Hände Arbeit ernähren - als Handlungsort gewählt hat, macht den Einbruch des Grauens nur um so abrupter und verstörender. Das ist schon harter Tobak, wenn wir im klaustrophobisch beschriebenen Erdinneren auf die Pilze und ihre Jünger treffen, von diesen bedrängt und vereinnahmt werden.
Als Band 100 der Festa-Horror-Reihe ins Rennen gegangen, überzeugt mich der wunderbar prägnante Roman auf der ganzen Linie, ein Highlight der an tollen Büchern nicht armen Horror-Edition Festas.