Matt Haig: Die Mitternachtsreise (Buch)

Matt Haig
Die Mitternachtsreise
(The Midnight Train, 2026)
Überstzung: Sabine Hübner
Droemer, 2026, Hardcover, 334 Seiten, 24,00 EUR

Rezension von Gunther Barnewald

Wilbur Budd war dereinst ein erfolgreicher Unternehmer, hatte sich eine profitable Buchhandelskette aufgebaut und darüber leider jeden Menschen, der ihm lieb und wertvoll war im Leben, vergrault und verloren.

Als er mit etwas über 80 Jahren stirbt, findet er sich plötzlich auf einem Bahnsteig wieder, von dem eine Minute nach Mitternacht der Midnightexpress abfahren soll.

Als Wilbur den Zug besteigen will, trifft er dort Agnes Bagdale wieder, in dieser Jenseitswelt eine mittelalte Frau, die er dereinst nur als ältere Dame kannte, die oft in dem Buchladen saß, den Wilbur gerne als Jugendlicher aufsuchte und in dem er anfing zu arbeiten. Mrs. Bagdale hatte der Laden dereinst gehört, bevor sie ihn an ihren untalentierten Sohn weitergab. Sie soll Wilbur auf der Reise ins Jenseits begleiten, auf der er nochmals wichtige Stationen seines Lebens zu sehen bekommt.

Im Verlauf der Reise wird Wilbur immer klarer, welche großen Fehler er gemacht hat. Doch angeblich lässt sich nun, am Ende des Lebens, nichts mehr verändern. Aber ist dies wirklich so? Wilbur gibt alles, auch auf die Gefahr hin, sein Ich für immer zu verlieren...


Ähnlich wie in dem thematisch verwandten Roman „Die Mitternachtsbibliothek“, welcher dem Autor zu Bestsellerehren verholfen hat, gelingt es Haig auch hier, aus einem scheinbar deprimierenden Thema ein anrührendes und hoffnungsfrohes Buch zu machen.

Wilbur und alle Lesenden erkennen klar dessen Fehler im Leben und begreifen schnell, dass sein Erfolg auf Sand gebaut ist. Für ihn hat er alle Beziehungen geopfert (Ehe, Freundschaften) und war überaus erfolgreich, nur um am Lebensende einsam und nicht besonders glücklich zu sterben.

Dabei gelingt dem Autor die Schilderung eines ebenso ergreifenden wie realistisch wirkenden Lebens.

Hier liegt die große Stärke von Matt Haig. Charaktere und Atmosphäre überzeugen durch viele Einzelheiten und liebevolle Details. Wenn das Buch trotzdem nicht zu 100% überzeugt, so liegt dies wohl daran, dass die geschilderten Lebensumstände und Charaktere alle recht konventionell und eher farblos daherkommen. Wilburs Leben wirkt recht klischeehaft und entbehrt leider eines gewissen Spannungsgehalts.

So bleibt die Handlung recht beschaulich, überaus packend oder auch kreativ wird es eher nicht.

Wahrscheinlich werden jene Lesenden, die „Die Mitternachtsbibliothek“ gewertschätzt haben, auch diesen Roman gut finden. Wer gerne mehr Ideen oder ungewöhnliche Handlungselemente oder Action mag, der wird sicherlich eher enttäuscht sein von dieser recht handlungsarmen Geschichte.