Anne Herzel: Schlammlerche - Lichter unter London 0 (Buch)
- Details
- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Sonntag, 03. Mai 2026 07:50

Anne Herzel
Schlammlerche
Lichter unter London 0
Cross Cult, 2026, Paperback, 378 Seiten, 18,00 EUR
Rezension von Carsten Kuhr
Anne Herzel entführt erneut in die geheimnisvollen Katakomben unter London und erzählt diesmal die Vorgeschichte von Phoebe Ellis, einer Figur, die Leserinnen und Leser aus der Dilogie bereits kennen, nun jedoch aus völlig neuer Perspektive erleben.
Inhaltlich beginnt der Roman mit einer siebzehnjährigen Protagonistin, die sich nach familiären Enttäuschungen und weitgehend auf sich allein gestellt ihren Lebensunterhalt verdient, indem sie illegal in die Tiefen unter London hinabsteigt, Artefakte und andere Fundstücke birgt und an der Oberfläche verkauft. Schon dieser Einstieg verbindet Abenteuer und soziale Härte miteinander.
Ein Wendepunkt wird erreicht, als Phoebe bei einem ihrer Streifzüge nicht nur entdeckt wird, sondern nach einem folgenschweren Zwischenfall in Kontakt mit den sogenannten Mudlarks kommt. Unter deren Gründer und Anführer Greyson Evans hat sie die Wahl zwischen Strafe und einem Platz innerhalb dieser Gemeinschaft - und wird damit zur ersten weiblichen Mudlark. Von hier an entfaltet sich eine Geschichte, die Ausbildung, Überlebenskampf, Entdeckungsreise und Machtgeschichte zugleich ist.
Ein großer Reiz des Romans liegt in der fortschreitenden Erkundung der Unterwelt. Die Katakomben werden nicht nur als labyrinthartiges Höhlensystem beschrieben, sondern als eigenständige, fremdartige Welt mit unbekannten Lebensformen, einem komplexen Ökosystem und einem verborgenen Volk, das tief unter London existiert. Im Verlauf treten albtraumhafte Kreaturen, politische Spannungen und zunehmende Konflikte zwischen den Bewohnern dieser Welt und den Eingriffen der Menschen in den Vordergrund. Aus einer anfänglichen Entdeckungsgeschichte entwickelt sich so zunehmend ein Roman über Macht, Eroberung, Verrat und Zerstörung.
Parallel dazu verfolgt das Buch über Jahre hinweg Phoebes Entwicklung innerhalb der Society of Scraping. Was zunächst wie ein Weg zur Akzeptanz in einer maskulin geprägten Domäne erscheint, wird zunehmend zu einer Geschichte moralischer Verhärtung. In einer männerdominierten, brutalen Umgebung muss Phoebe sich behaupten, lernt Härte als Überlebensstrategie und gewinnt nach und nach Einfluss und Respekt. Doch mit jedem Schritt nach oben verschieben sich ihre Maßstäbe. Loyalitäten zerbrechen, Verrat prägt ihr Handeln, und aus Ehrgeiz und Verletzung wächst eine Figur, die sich immer weiter von ihren früheren Idealen entfernt.
Auch die Nebenfiguren und das Gefüge um die Society of Scraping und die Mudlarks tragen zur Faszination bei. Greyson Evans und sein Umfeld bieten nicht nur Gegenpole zu Phoebes Entwicklung, sondern machen ihre Entscheidungen und ihren Verrat umso tragischer. Dass emotionale Bindungen immer wieder durch Misstrauen, Stolz oder Machtstreben unterlaufen werden, verstärkt die düstere Grundstimmung des Romans.
Besonders stark ist, dass diese Entwicklung nicht nur als persönliches Schicksal erzählt wird, sondern eng mit den Konflikten der Unterwelt verknüpft bleibt. Während sich politische und existenzielle Bedrohungen zuspitzen, verschärfen sich auch Phoebes innere Konflikte. Freundschaften, emotionale Bindungen und einstige Vertraute geraten unter den Druck von Machtkämpfen und Fehlentscheidungen. Gerade diese Verbindung aus äußerem Abenteuer und innerem Absturz macht den Roman inhaltlich dicht.
Hervorzuheben ist vor allem, wie originell und atmosphärisch Anne Herzel diese Welt gestaltet. Zwar greifen auch andere Werke das Motiv verborgener Städte und Katakomben auf, doch hier entsteht etwas Eigenständiges: eine Unterwelt, die gleichermaßen faszinierend und bedrohlich wirkt und zudem als Spiegel menschlicher Gier angesehen werden kann. Immer wieder schwingt die Frage mit, was geschieht, wenn der menschliche Entdeckerdrang nicht von Verantwortung begleitet wird.
Phoebe ist bewusst keine klassische Sympathiefigur. Impulsiv, stolz, jähzornig und oft moralisch fragwürdig, fordert sie uns Leserinnen und Leser heraus. Statt eine typische Heldenreise zu erzählen, schildert das Buch so den Weg einer Figur in Richtung Abgrund - und stellt dabei unbequeme Fragen nach Schuld, Rechtfertigung und dem Entstehen von „Bösewicht“-Figuren. Dass man eine spätere Antagonistin in ihrer Vorgeschichte begleitet und ihre Motive nachvollziehen kann, ohne ihre Taten gutzuheißen, macht den Plot interessant.
Stilistisch flüssig und atmosphärisch dicht, mit hohem Tempo bietet der packende Roman auch immer wieder ruhigere Entwicklungsphasen. Gerade weil Handlung, Weltenbau und Charakter-Entwicklung so eng ineinandergreifen, entsteht ein vielschichtiges Gesamtbild.
Insgesamt bietet der Roman sich als außergewöhnlich vielschichtig, düster und inhaltlich anspruchsvoll an. Er dient als faszinierender Abschluss und zugleich Ursprungsgeschichte, die bekannte Figuren und Konflikte in neuem Licht erscheinen lässt. Anne Herzel verbindet packendes Unterwelt-Abenteuer mit Charakter-Studie und moralischer Reflexion auf hohem Niveau. Ein intensiver, origineller und empfehlenswerter Roman.