Anne Stern: Die weiße Nacht (Buch)
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- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Freitag, 16. Januar 2026 08:21

Anne Stern
Die weiße Nacht
Piper, 2026, Hardcover, 400 Seiten, 25,00 EUR
Rezension von Gunther Barnewald
Deutschland im eiskalten Winter des Jahres 1946, zur berühmten „Stunde Null“ nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs. Berlin liegt, wie der größte Restteil des deutschen Reiches, in Trümmern, die Menschen hungern und frieren, zumal dieser Winter besonders streng ist. Dazu ist Berlin eine geteilte Stadt und besteht aus vier unterschiedlichen Sektoren. Erste gravierende Konflikte zwischen den vier Siegermächten (auf der einen Seite die UdSSR, die drei westlichen Alliierten auf der anderen Seite) zeichnen sich ab.
Für die überlebenden Deutschen ist dies aber erst einmal nur Hintergrund, kämpfen diese doch um ihr Überleben und manchmal auch mit ihrer Schuld aus der Vergangenheit.
Zwei, die sich gegen das System gestellt hatten, sind der versehrte Kommissar Alfred König (er hatte sich im Krieg geweigert, Zivilisten zu erschießen, kam dafür ins Gefängnis und verlor durch Misshandlungen ein Auge) und die junge Fotografin Marielouise genannt Lou Faber (sie hatte Plakate gegen Hitler aufgehängt und war dafür ebenfalls ins Gefängnis gewandert).
Als Lou eines Tages, bei der Suche nach interessanten Foto-Motiven, über die Leiche einer ermordeten Frau stolpert, wird sie in einen Kriminalfall hineingezogen, bei dem es genau um jenes Schuldmotiv aus der Vergangenheit geht; denn die Tote hatte Schuld auf sich geladen und wird nicht das einzige Opfer bleiben...
Während König hartnäckig ermittelt, stolpert Lou mehr zufällig über die Hintergründe eines Falles von menschenverachtenden Verbrechen und läuft dabei Gefahr, selbst zum Opfer zu werden.
Anne Sterns Auftakt einer neuen Serie liest sich vielversprechend und besticht vor allem durch eine glaubwürdige Atmosphäre und ganz viel Zeitkolorit.
Die interessanten Figuren und der zwar nicht klischeefreie aber gut konstruierte Plot tragen ihr Übriges dazu bei, aus dem vorliegenden Buch eine spannende und anregende Lektüre zu machen. Immer wieder überzeugt die Autorin mit historischen Details und klirrender Kälte aufgrund der winterlichen Bedingungen (und menschlicher Abgefeimtheit von Mitläufern und Denunzianten).
Natürlich hat Stern es sich einfach gemacht, indem sie zwei Protagonisten in den Mittelpunkt stellt, die sich dem Unrechtsregime in den Weg gestellt hatten und dafür hart bezahlen mussten. Sowohl mit Lou als auch mit dem knorrigen König identifizieren sich die Lesenden sicherlich gerne.
Man darf gespannt sein, wie sich die Serie weiterentwickelt, denn als zukünftige Polizeifotografin (so viel darf sicherlich gespoilert werden) wird Lou sicherlich öfters mit Kommissar Alfred König ermitteln und vielleicht (und hoffentlich) noch einige weitere packende Fälle lösen dürfen.
Es wäre den überaus sympathischen Protagonisten zu wünschen (und den gut unterhaltenen Lesenden, die weitere gutklassige Geschichten genießen könnten, wenn die Autorin ihr hohes Niveau halten sollte)!