Christelle Dabos: Die Spur der Vertrauten (Buch)

Christelle Dabos
Die Spur der Vertrauten
(Nous. 2024)
Übersetzung: Amelie Thoma und Nadine Püschel
Rotfuchs, 2025, Hardcover, 640 Seiten, 22,90 EUR

Rezension von Christel Scheja

Christelle Dabos hat sich mit ihren Romanen um die Spiegelreisende in die Herzen vieler Leser und Kritiker geschrieben. Jetzt legt sie mit einem neuen Werk nach. „Die Spur der Vertrauten“ ist in einer Retro-dystopischen Welt angesiedelt, in der es das Ich nicht geben soll oder darf.


Claire und Goliath wurden in eine Welt hineingeboren, in der es keine Individualität gibt, weil jeder Mensch den Instinkt besitzt, dem allgemeinen Wohl zu dienen und gar nicht anders kann, als sich zu beherrschen. Doch was ist, wenn das Ich doch irgendwann einmal durchbricht?

Damit werden die beiden in einer entscheidenden Zeit ihres Lebens konfrontiert, denn Goliath hat nur noch einen Monat Zeit, um einem Menschen das Leben zu retten, damit er in den Rang eines Tugendhaften aufsteigen darf. Und Claire steht kurz davor, die Schule der Vertrauten abzuschließen.

Allerdings merkt das Mädchen auch etwas, was andere bewusst oder unbewusst zu übersehen scheinen, denn in ihrem direkten Umfeld verschwindet ein Schüler - und er ist tatsächlich nicht der Einzige und vor allem nicht der Erste. Deshalb macht sie sich daran, das Geheimnis zu ergründen und zeigt dabei zum ersten Mal offen die Eigenschaft, die es eigentlich nicht geben sollte: Sie handelt selbsttätig und ohne Absprachen. Zudem tut sie sich mit Goliath zusammen, und das bringt natürlich beide in Gefahr.


Das klingt nach einem spannenden Young-Adult-Abenteuer, bei dem die Leser mit den Helden mitfiebern sollen, aber leider ist es das nicht. Das liegt vor allem an der sehr dialoglastigen Erzählweise. Die Figuren leben weniger durch ihre Innensicht als die Interaktion mit den Leuten in der Umgebung. Oft genug sind die Unterhaltungen auch so ausgekleidet, dass man sich die wichtigen Informationen heraussuchen muss. Und letztendlich reflektieren die Jugendlichen auch nicht gerade offen.

Zudem springt die Geschichte sehr oft von einer Figur zur anderen. Manchmal muss man sogar rätseln, wer dies nun ist, da nicht einmal Namen genannt werden. Das zieht die Handlung ziemlich in die Länge, so dass es gelegentlich Durchhänger gibt, weil so gar nichts passiert außer Geplänkel zwischen irgendwelchen Figuren. Zudem bleibt die Welt blass und schemenhaft, ist so gut wie gar nicht vorstellbar, selbst die Gesellschaftsstruktur wird nur angerissen und als gegeben hingenommen.

Was bleibt ist der Eindruck einer recht zähflüssigen Geschichte ohne viele und schon gar keine großen Spannungsmomente, aber auch sehr blass bleibenden Charakteren, zu denen man als Leser keine Bindung aufbaut. Und nicht zuletzt ist das Setting so gut wie gar nicht vorstellbar.

„Die Spur der Vertrauten“ bietet zwar einige interessante Ideen, aber die Ausführung kann letztendlich leider nicht besonders überzeugen, da die Autorin zu wenig erklärt und zu viele Dialoge ohne Substanz präsentiert, in der die eigentliche Handlung mehr oder weniger untergeht. So blass wie der Hintergrund bleiben auch die Figuren, so dass deren Schicksal keine Anteilnahme weckt.