Leo am Bruhl: Der Baumeister (Buch)

Leo am Bruhl
Der Baumeister
Edition Dornbrunnen, 2025, Taschenbuch, 152 Seiten, 9,95 EUR

Rezension von Carsten Kuhr

Im Rahmen seiner Sammel- und Herausgeber-Tätigkeit stieß Phantastik-Kenner Lars Dangel auf den Namen Leo am Bruhl. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.

Dangel war von den Kurzgeschichten des Verfassers fasziniert. Hier begegnete ihm ein Autor, über den kaum etwas bekannt ist und über den auch Dangel trotz intensivster Suche nicht wirklich viel in Erfahrung bringen konnte.

Die Forschung erschwert, dass am Bruhl, soweit man dies weiß, nie Romane veröffentlicht hat. Auch in Verlagsarchiven oder Autorenverzeichnissen lässt sich nichts über den Verfasser vergangener Tage auffinden.

Von seiner Faszination getragen, machte der Herausgeber sich auf die Suche nach weiterem Material. Und er wurde fündig - und dies in weit größerem Ausmaß als je angenommen. Dies liegt auch an der heute kaum bekannten Tatsache, dass es am Bruhl über einen recht langen Zeitraum hinweg gelungen ist, immer wieder auch ältere Storys bei diversen Zeitungen neu unterzubringen.

Mir war dabei bislang die Tatsache unbekannt, dass die Zeitungshäuser in der damaligen Zeit teilweise mehrfach am selben Tag unterschiedliche Zeitungen veröffentlichten. Natürlich wird nicht jeder Leser immer auch die in seinem Tagesblatt enthaltenen unterhaltsamen Geschichten goutiert haben, dennoch dürfte die Reichweite wohl in die Hunderttausende an Lesern gegangen sein. Weitere Suchen und Forschungen führten zu den ersten Neuveröffentlichungen der Erzählungen - die wiederum Leser dazu anstifteten, selbst auf die Suche nach weiteren Publikationen in den Archiven zu gehen.

In bislang zwei umfangreichen, limitierten und vergriffenen Kollektionen in der Edition Dunkelgestirn hatte Dangel seine ersten Funde zusammengefasst und publiziert.

Damit auch Interessierte, die die Liebhaber-Ausgaben nicht erstehen konnten, den Verfasser Leo am Bruhl kennen und wohl auch schätzen lernen können, veröffentlichte die Edition Dornbrunnen in kleinen, preislich unschlagbaren Taschenbüchern eine dreiteilige Auslese der phantastischen Geschichten am Bruhls. Für die Auswahl und das jeweilige Vorwort zeichnete erneut Lars Dangel verantwortlich.

Der Erfolg gab Verlag und Herausgeber Recht, sodass vorliegend ein weiterer, ein vierter Band mit Storys am Bruhls erscheint. In diesem erwarten den Interessierten einundzwanzig abenteuerliche Geschichten des Autors. Phantastische Elemente hat er sich dabei größtenteils gespart. Stattdessen entführt er seine Leserinnen und Leser in exotische Gefilde.

Erstaunlich dabei ist, dass anders als bei Robert Kraft und Konsorten, nicht unbedingt der Dschungel Mexikos oder Indiens und auch nicht das Sandmeer der afrikanischen Wüsten als Handlungsort genutzt wird, sondern am Bruhl uns in ganz ungewohnte Gegenden entführt. Da wird das ferne Sibirien als Handlungsort ebenso genutzt wie China, da erwarten uns Themen, die nicht dem Üblichen entsprechen.

Immer wieder bemüht sich der Autor erfolgreich darum, uns ungewöhnliche Figuren vorzustellen - Menschen, die vielleicht nicht unbedingt Heldenmaterial sind, die aber in ihren Berufen und ihren Lebensumständen ganz anders angelegt sind als die bekannten Stereotypen. So begegnen uns hart arbeitende Menschen, die ihren Beruf voller Stolz und mit großer Versiertheit ausüben. In deren Alltagswelt bricht unverhofft, unerwartet und ungewollt etwas ein, das ihren Alltag gehörig durcheinanderwirbelt. Es begegnen uns Inuit, Kolonialisten, hebräische Architekten oder geniale Ärzte - die Handelnden wechseln sich in einer gebotenen Bandbreite ab, wie sie selten zu finden ist.

So unterhalten die vorliegenden Geschichten auch heute noch bestens, entführen in eine lange vergangene Welt, in der es noch jede Menge weißer Flecken auf der Landkarte gab und in der uns ein ums andere Mal nicht vorhersehbare Plot-Twists erwarten.