Kevin Hearne: Papier & Blut - Die Chroniken des Siegelmagiers 2 (Buch)

Kevin Hearne

Papier & Blut

Die Chroniken des Siegelmagiers 2

(Paper & Blood, 2021)

Übersetzung: Friedrich Mader

Titelbild: Sarah J. Coleman

Hobbit Presse, 2022, Paperback, 352 Seiten, 15,00 EUR

Rezension von Irene Salzmann

Der schottische Siegelagent Aloysius „Al“ MacBharrais und sein Schützling Buck Foi, ein Hobgoblin, reisen nach Australien, wo zwei erfahrene Siegelagentinnen und eine Schülerin vermisst werden. Zusammen mit einigen Helfern - darunter mit seinen beiden Hunden Connor Molloy, wie sich der Eiserne Druide gegenwärtig nennt - folgen sie einer blutigen Spur.

Lange ahnt keiner von ihnen, wer oder was sie erwartet, ob die Entführten genauso wie jene Menschen, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufgehalten hatten, von Monstern oder durch fatale Fallen getötet wurden und was überhaupt dahintersteckt. Jene, die etwas mehr wissen, unterliegen strengen Regeln und dürfen nicht alles verraten, so sehr sie es auch möchten.

Infolgedessen bleiben nicht nur so manche - auch persönliche - Geheimnisse gewahrt, sondern alle Beteiligten sind außerdem gezwungen, in einen Kampf zu ziehen gegen einen Feind, der, wie sich herausstellt, im Prinzip selbst ein Opfer ist und vom wahren Gegner benutzt wird, um einen aus ihrer Gruppe unschädlich zu machen.


Fantasy-Leser, die mit Vergnügen „Die Chronik des Eisernen Druiden“ gelesen haben, dürften auch der neuen Serie von Kevin Hearne, „Die Chronik des Siegelmagiers“, gerne eine Chance geben. Von dieser liegt nun mit „Papier & Blut“ der zweite relativ in sich abgeschlossene Band vor.

Beide Reihen spielen in einer Welt, in der Druiden und Siegelmagier dafür Sorge tragen, dass Götter, Feenwesen und andere Kreaturen aus den vielen Pantheons durch Verträge daran gehindert werden, sich an den ahnungslosen Menschen nach Belieben zu vergreifen und großen Schaden anzurichten.

Natürlich sind alle, deren Aufgabe es ist, die Erde zu schützen sowie die Existenz dieser mächtigen Wesen geheim zu halten und ihre Spuren zu verwischen, großen Gefahren ausgesetzt. Immer wieder passiert es, dass Bewohner anderer Gefilde Lücken im Regelwerk finden, um beispielsweise ihren Machthunger zu befriedigen, sich ohne Gesichtsverlust einer Pflicht zu entziehen oder eine verbotene Fehde fortzusetzen. Wer ihren Plänen im Weg steht, wird wenigstens mit einem Fluch belegt und schlimmstenfalls getötet. Sowohl Al als auch Connor haben sich viele Feinde gemacht, aber sie haben auch Freunde und Förderer, die sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterstützen.

Obwohl Connor diesmal eine tragende Rolle innehat (in Band 1 ist ihm lediglich ein Kurzauftritt gestattet), bleibt der Fokus auf Al gerichtet - es ist schließlich seine Serie, die Geschichte wird aus seiner Perspektive in Ich-Form erzählt. Dennoch liefert der Autor bereits in diesem Roman ein Crossover, was sich gewiss einige Leser gewünscht haben, und schafft es, dass sich Connors Part nicht verselbständigt, was Al und die anderen Charaktere zu Nebenfiguren degradiert hätte.

Der Eiserne Druide entwickelt sich trotzdem weiter, vielleicht ein Zeichen, dass Kevin Hearne den nahezu Unsterblichen loslässt und sich ganz auf Al konzentrieren möchte, mit dem er sich zunehmend identifiziert und älter wird. Dennoch liegt ein weiter Weg vor dem Siegelmagier, um nicht, trotz gewisser Unterschiede, wie eine Kopie seines Serien-Vorgängers zu wirken.

Auch Al gewinnt neue Erkenntnisse, die ihm womöglich helfen werden, die Urheber der Flüche, die auf ihm lasten, zu identifizieren und das Problem langfristig zu lösen, doch das ist eine andere Geschichte, für die behutsam die Weichen gestellt werden. Noch vieles mehr bleibt spekulativ, sodass man neue Konflikte, interessante Nebenschauplätze und vor allem Überraschungen erwarten darf.

Während in den Büchern um den „Eisernen Druiden“ häufig Umwelt-Themen inkludiert wurden, setzt der Autor in den beiden „Siegelmagier“-Bänden politisch korrekt auf Frauen-Power sowie die Abbildung aller Ethnien und sexuellen Orientierungen. Infolgedessen verkörpert Al den ‚privilegierten alten weißen Mann‘, während neben Connor kampferprobte Frauen (PoC, teils lesbisch, sich oft diskriminiert fühlend) die Kohlen aus dem Feuer holen. Ob Kevin Hearne dies aus Überzeugung eingebaut hat oder es auf Geheiß des Verlags geschah, ist nicht bekannt. In diesem Zusammenhang durchaus erwähnenswert ist die Zusammensetzung der Gruppe, die das sinnlose Töten beenden möchte, unabhängig von der Form ihrer Involvierung: sechs Männer - davon zwei Hunde und vier Personen mit Handicaps; acht Frauen - kampferfahren, mit besonderen Fähigkeiten, teils nicht menschlich.

Solange die Handlung funktioniert, ist die Rollenverteilung von geringer Bedeutung, in diesem Fall sind die Hintergründe der Protagonisten (von Gladys … und Roxanne einmal abgesehen) für die Geschehnisse sogar völlig belanglos, und als etwas Neues kann man weder die bunte Besetzung der Gruppe noch die wehrhaften Frauen bezeichnen, denn schon zum Beispiel in „Mit Schirm, Charme und Melone“ entzückte in den 60er Jahren die schlagkräftige „Karate“-Emma Peel die Zuschauer, flog Captain Kirk im Raumschiff Enterprise mit einer multinationalen Crew und Frauen in tragenden Rollen durchs All, und auch das zweite X-Men-Team nebst den verschiedenen Spin-offs ab den 70er Jahren grenzt keine Gruppe aus.

Ob das wirklich im Sinn der Sache ist, (nicht nur) in Büchern und Filmen, die unterhalten und Spaß machen sollen, alte Klischees gezielt und plump durch neue, gegenteilige zu ersetzen und auf tatsächliches Unrecht mit Unrecht in die andere Richtung zu antworten, sei dahingestellt.

Geschmackssache ist ebenfalls die gewollt saloppe Sprache, die vor allem Buck Foi in den Mund gelegt wird. Tatsächlich vermag Kevin Hearne seine Charaktere allein durch ihre unterschiedliche Sprechweise und Wortwahl individuell zu gestalten, doch würde man die „Kacke“ keineswegs vermissen, gäbe es von ihr weniger. Die Mehrheit der Leser dürfte ohnehin aus dem Alter heraus sein, in dem man deftige Kraftausdrücke ‚geil‘ findet und inflationär benutzt.

Der neue Roman aus der „Siegelmagier“-Serie punktet mit vielen überraschenden Ideen, die sich meist um Figuren aus Sagen und Mythen ranken, die in der Fantasy bislang wenig strapaziert wurden. Kevin Hearnes Protagonisten, die gleichermaßen Stärken und Schwächen kennen, bauen zum Leser rasch eine Beziehung auf, sodass dieser gerne an ihrem Schicksal Anteil nimmt. Auch ihre glaubwürdige, mitunter schrullige Darstellung durch Hintergrund, Erscheinungsbild, Sprache und Aufgabe sowie die kontinuierliche Weiterentwicklung gefallen. Der angenehme Erzählstil nimmt schnell gefangen.

Darüber verblassen die Kritikpunkte, die ohnehin nicht von jedem als solche empfunden werden, nämlich die stellenweise unnötig deftige Ausdrucksweise und die hier noch nicht zu aufdringliche Einbindung von ‚woke‘-Motiven.

„Papier & Blut“ liefert gute Unterhaltung und ist mal etwas anderes als das übliche Einerlei um wahlweise Conans Klone, verliebte Engel und metzelnde Zombies, weshalb man gespannt auf die Fortsetzung wartet.