Jean Rises: The Forests Have Eyes (Buch)

Jean Rises
The Forests Have Eyes
Titelbild: Azrael ap Cwanderay
Hammer Boox, 2020, eBook, 3,49 EUR (auch als Taschenbuch)

Rezension von Elmar Huber

„Tagsüber ist der Wald nicht gefährlich. Doch wenn man sich dort nach der Dämmerung aufhält oder die Nacht dort verbringt, dann verschwinden manchmal einige der Leute. Einfach so. Immer wieder hören wir von Bekloppten, die dort wegen einer Mutprobe die Nacht über verbracht haben, dass sie das beklemmende Gefühl hatten, beobachtet zu werden. Seltsame Geräusche, die überall zu hören waren, unheimliche Lichter, die durch die Bäume geisterten, und der schwerfällige Geruch von Verwesung hing in der Luft, so erzählten sie.“

Bode, Billie, Jon und Kinsey sind auf einem Rucksacktrip durch Osteuropa. In Rumänien erfahren sie von den zwei Einheimischen Matei und Nicu vom legendenumwobenen Hoia-Baciu-Wald, dem „osteuropäischen Bermuda-Dreieck“, in dem immer wieder Menschen spurlos verschwinden.

Tatsächlich haben Matei und Nicu noch einen anderen Grund, das Waldstück aufzusuchen. Sie wollen nach ihrem verschollenen Freund Petre suchen, den sie im Rahmen einer Wette zu einer Übernachtung dort genötigt hatten.

„Der Hoia-Baciu ist in modernen Medien und Subkulturen als „Hotspot“ für angebliche Ufo-Sichtungen und Spukerscheinungen bekannt, häufig unter dem Spitznamen „Bermuda-Dreieck von Europa“. Immer wieder kursieren Gerüchte und urbane Legenden um Begegnungen mit unbekannten Flugobjekten und/oder Geister- und Monstererscheinungen.“


Bereits die Titelnähe zum Terror-Klassiker „The Hills Have Eyes“ gibt die Marschrichtung vor. Dazu mixt Jean Rises eine ordentliche Portion Hinterwäldler-Terror Marke „Wrong Turn“. Hier werden also keine Gefangenen gemacht, schon weil Menschenfleisch die Hauptnahrungsquelle der zweibeinigen Waldbewohner darstellt.

Dass der Autor das Ganze in einem tatsächlich mystisch aufgeladenen Landstrich spielen lässt, verleiht „The Forests Have Eyes“ noch eine geheimnisvolle Ebene. Immerhin gehört der Hoia-Baciu-Wald zu den Top-Grusel-Reisezielen in Europa. Doch auch damit nicht genug: Der Kannibalen-Stamm huldigt auch noch einem grausamen Gott, der gern mal Menschenopfer verspeist, und überhaupt fanden nach dem Zweiten Weltkrieg in der Gegend zudem noch zweifelhafte Militär-Experimente von Mütterchen Russland statt, die ihre Schatten bis in die Gegenwart werfen. Und die angeblichen vampirhaften Launen von Nicolae Ceausescu werden auch nicht ausgespart.

Das klingt nach einem Fest für jeden Exploitation-Aficionado mit Sinn für schräge Ideen. Tatsächlich wirkt das Ganze aber auf knapp 100 Seiten reichlich gehetzt, sodass keine der Ideen in ausreichendem Maß zum Tragen kommt. Das komplette Geschehen bleibt an der Oberfläche, nichts will richtig zusammenpassen, und die beabsichtigte Wirkung verpufft relativ wirkungslos. Weniger wäre hier mehr gewesen.

Auch den Schreibstil kann man nicht gerade als geschliffen bezeichnen. Dazu stolpert man wiederholt über merkwürdige Ausdrücke wie „ums Eck“ oder „kurzrasierte Frisur“, die den Lesefluss stocken lassen.

Pluspunkte kann dagegen das treffend gestaltete Cover von Hammer-Hausgrafiker Azrael ap Cwanderay für sich verbuchen. Da weiß man gleich, wo es langgeht.

„The Forests Have Eyes“ ist ein im Schweinsgalopp präsentierter und reichlich kruder Splatter-Mystery-SF-Mix.