Jack Ketchum: Psychotic (Buch)

Jack Ketchum
Psychotic
(Old Flames, 2008)
Übersetzung: Klaus Schmitz
Titelbild: Arndt Drechsler-Zakrewski

Festa, 2020, Hardcover, 192 Seiten, 18,99 EUR (auch als eBook erhältlich)

Rezension von Elmar Huber

„Es war eine einfache Sache, eine Kleinigkeit nur, aber spät in diese Nacht, als sie rauchend im Dunkeln lag, machte dieser Kuss ihre Entscheidung aus. Oder vielleicht war es nur die Erinnerung, die zu einem anderen Kuss passte, diesem sehr ähnlich, als sie sich im zehnten Schuljahr auf der High School das erste Mal begegnet waren.“

Eine Reihe verschiedener Ereignisse bringt Dora Welles dazu, die Detektivdienste von Flame Finders in Anspruch zu nehmen, um ihre alte Highschool-Liebe, Jim Weybourne, zu finden. Damals hatte sie, wegen einer überstürzten Ferienreise nur mit seinen Kumpels, Schluss gemacht. Heute ist sie überzeugt, dass das ein Fehler war. Besonders, nachdem sie Jim nun mit seiner Frau Karen und ihren gemeinsamen Kindern sieht. Es gelingt ihr, sich als neue, alte Freundin in seine Familie einzuschleichen. Sendet ihr Jim nicht sogar Signale, dass es mit ihnen beiden wieder etwas werden könnte? Ein gut geplanter nachmittäglicher Überraschungsbesuch bei Karen - und Jim ist wieder frei.

„Sie blickte im Spiegel auf und sah, wie er sie beobachtete. Ihre Blicke trafen sich, und er schaute ihr tief in die Augen, verspürte eine Gefahr, die zwischen ihnen hin und her schwirrte, von beiden bemerkt und zur Kenntnis genommen. Sie regte sich nicht, richtete sich nicht auf. Hielt nur den Waschlappen in ihren Händen unter dem warmen laufenden Wasser. Er blickte erneut hinunter auf ihre Brüste, nun von Gänsehaut überzogen.“


Das Nachwort verrät, dass „Psychotic“, oder „Old Flames“, wie der sehr viel passendere und hintergründigere Originaltitel lautet, sein Leben als Drehbuch, mit einem „sehr viel glücklicheren Ende“ begonnen hat. Der Film kam nicht zustande, und Jack Ketchum hat aus der Geschichte diesen Kurzroman gemacht, denn mehr ist es nicht. Aber auch nicht weniger.

„Psychotic“ präsentiert sich als ‚kleiner‘ rauer Psycho-Thriller, der kaum Fett auf den Knochen hat. Jack Ketchum konzentriert sich direkt auf die Figuren und ihre Taten und pflegt kein langes Gelaber. Weder schreibt er dem Leser vor, was von den Figuren zu halten ist, noch walzt er die Gedankengänge der Protagonisten aus. Die Personen definieren sich durch ihre Handlungen, und der Autor überlässt es dem Leser, sich daraus seine Meinung zu bilden.

Die Reduktion auf das Notwendigste findet sich schon in den Kapitelüberschriften, die nur aus Personenamen bestehen. Entsprechend werden die einzelnen Kapitel aus verschiedenen Perspektiven geschildert, was Jack Ketchum auch für einige erzählerische Kniffe und Twists nutzt, ohne dies überzustrapazieren.

Trotz der Vermeidung offensichtlicher Effekt-Hascherei oder Spannungsschinderei herrscht eine durchgehende unterschwellige Unberechenbarkeit, die „Psychotic“ zu einem fiesen Pageturner macht. Wer Eric C. Higgs‘ „The Happy Man“ mochte, wird auch hier seine Freude haben.

Das Cover von Arndt Drechsler sieht sehr gut aus, Die Verarbeitung ist wieder, ganz Festa-like, 1a. Mit der qualitativ hochwertigen Veröffentlichung (ohne ISBN) wird einmal mehr auf den Sammlermarkt geschaut, denn viel Lesestoff wird hier nicht geboten. Der Satz ist sehr großzügig ausgefallen, die breiten Seitenstege werden durch einen schwarzen Rahmen kaschiert.

„Mit Psychotic“ hat Festa hier wieder einmal ein kleines, besonderes Schmuckstück für das geneigte Publikum ausgegraben.