Gravel 1 (Comic)
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- Kategorie: Rezensionen
- Veröffentlicht: Montag, 03. Februar 2020 22:36

Gravel 1
Strange Kiss - Stranger Kisses Strange Killings
(Strange Kiss Collected (2000), Stranger Kisses TP (2001), Strange Killings TP Vol. 1 (2003))
Autor: Warren Ellis
Titelbild & Zeichnungen: Mike Wolfer
Übersetzung: Jens R. Nielsen
Dantes, 2017, Paperback, 212 Seiten, 16,95 EUR, ISBN ISBN 978-3-946952-06-0
Rezension von Elmar Huber
„Strange Kiss”:
Ein alter Armee-Kumpel William Gravels bittet den Kampfmagier an sein Krankenbett. Ein schöner Jüngling hat ihm etwas mehr als Unappetitliches angehängt. Gravel kann gerade noch das fehlende Glied und den aufgeblähten Bauch seines Kumpels bewundern, bevor dieser aufplatzt und einen Schwall von Eidechsen ‚gebiert‘. Gleichzeitig hat Gerichtsmedizinerin Hunt eine Selbstmörderin im Betty-Page-Look auf dem Tisch, in deren Innerem sich eine übergroße Echse befindet. Gravel verfolgt die Spur, die ihn zu einer bizarren Kunstausstellung führt.
„Stranger Kisses“:
William Gravel wird von dem Schauspieler und aufstrebenden Politiker John Weston als Personenschützer engagiert. Um bei der Bevölkerung Punkte zu sammeln, will Weston in einer „Dirty Harry“-Aktion einen Snuff-Ring enttarnen. Er gibt sich als Liebhaber ungewöhnlicher Filme und als potentieller Käufer aus, doch was Weston und Gravel zu sehen bekommen, sind Body Modifications, die alles in dieser Art in den Schatten stellen. Weston verliert die Nerven, die Situation eskaliert und Gravel findet sich plötzlich allein auf der Flucht vor den Snuff-Produzenten.
„Strange Killings“:
Um einen Gefangenen-Aufstand im Wessex Prison niederzuschlagen wird der SAS (Special Air Service, eine Spezialeinheit der britischen Armee) angefordert. Nach anfänglichem Erfolg trifft die Einheit auf einen Gefangenen, der wie der wahnsinnige Colonel Walter Kurtz („Apokalypse Now“) über das Gefängnis herrscht und dem sie mit ihren Waffen nicht beikommen. Von Schwarzer Magie ist draußen die Rede, von gehäuteten Menschen und von Zombies. Mit seinen besonderen Fähigkeiten soll William Gravel als Ein-Mann-Armee in dem Knast aufräumen.
Einer Meinungsverschiedenheit zwischen Warren Ellis („Planetary“, „Transmetropolitan“) und DC Comics haben wir die Figur William Gravel zu verdanken. Der englische Autor hat kurzerhand seinen eigenen Magier mit Armee-Hintergrund erfunden, nachdem sein „John Constantine“-Run (vorzeitig?) beendet war, er aber noch Ideen ‚übrig‘ hatte.
Trotz einiger deutlichen Ähnlichkeiten zwischen den beiden Figuren - vor allem gefallen sich beide in der Rolle des zynischen Misanthropen - darf allerdings bezweifelt werden, dass diese Geschichten jemals in der vorliegenden Form von DC veröffentlicht worden wären. Der Independent Verlag Avatar Press („Stitched“, „Crossed“) muss sich da weit weniger Gedanken um die politische Korrektheit und den Blutgehalt seines Verlagsprogramms machen.
Soll heißen, Gravel strotzt nur so vor Blut, Gedärmen und abgetrennten Körperteilen, perversen Sex-Praktiken und zynischen Kommentaren. Harter Stoff also, der mitnichten für den zartbesaiteten Leser geeignet ist. Bei aller Brutalität, die hier gezeigt wird, muss man Ellis jedoch auch attestieren, dass er ein äußert guter Erzähler ist, dessen überschäumende Phantasie sich auch in seinen gemäßigteren Arbeiten findet (zum Beispiel in „Karnak - Der Makel in allen Dingen“, „Moon Knight“). Zumindest die bizarren Ideen für „Strange Kiss“ und „Stranger Kisses“ lassen einen ungläubig staunen. „Strange Killings“ fällt dagegen in Sachen Originalität deutlich ab.
Die schnörkellosen, feinlinigen Zeichnungen von Mike Wolfer („Stitched“, „Skin Trade“) sind sehr gelungen, irgendwie „Avatar“-typisch, und halten durchgehend ihr hohes Niveau.
Im Jahr 2001 lagen die ersten beiden Storylines schon bei Speed vor, wurden jedoch nicht weitergeführt. Also Dank an den kleinen Dantes Verlag aus Mannheim, der die Serie nun vollständig in sieben Bänden veröffentlich hat.
„Gravel“ 1 ist brutal, zynisch, toll geschrieben und voller bizarrer Ideen. William Gravel könnte der weniger nette Bruder von John Constantine sein.