Akram El-Bahay: Bücherstadt - Die Bibliothek der flüsternden Schatten (Buch)

Akram El-Bahay
Bücherstadt - Die Bibliothek der flüsternden Schatten
Titelbild: Jorge Jacinto
Bastei Lübbe, 2017, Paperback, 382 Seiten, 14,00 EUR, ISBN 978-3-404-20883-8 (auch als eBook erhältlich)

Rezension von Carsten Kuhr

Willkommen in Mythia, der Stadt der Bücher. Seit Jahrzehnten herrscht der König, den man nur als den Weißen kennt, streng aber mit gerechter Hand über die Metropole. Und er sammelt Bücher. Nicht, dass er nicht schon genügend hätte, doch es gilt, eine ganze Bücherei zu füllen. Nicht irgendeine Bücherei in einem Zimmer, nicht einmal ein Haus voller Bücher umfasst seine Sammlung, nein, weit gefehlt.

Tief unter der Stadt haben einst, vor langer, langer Zeit die Riesen ihre Heimat gehabt. Hier haben diese mit uralten Zaubern und unvergleichlicher Handwerkskunst eine Stadt in die Tiefe der Erde hineingebaut. Gang- und Stollensysteme voller Regale, die mittlerweile Meilen über Meilen mit Kladden und Büchern gefüllt wurden.

Allerdings ist die unterirdische Bibliothek zwischenzeitlich verwaist. Dort wo einst Forscher und Gelehrte studierten, sich die Klinke und die Bücher in die Hand gaben, herrscht nun weitgehend Leere. Nur mehr den Bibliothekaren und den königlichen Wächtern in ihren roten Roben ist es erlaubt, die Gänge zu betreten. Ins Herz der Bibliothek selbst darf außer Sabah, der mysteriösen Beraterin des Königs und der Leibwache des Monarchen, gar niemand mehr.

Samir, genannt Sam, war einst der geschickteste Dieb der Stadt - bis, ja bis er hilflos mitansehen musste, wie sein Bruder bei einem Raubzug von ihrem Opfer getötet wurde. Er bricht mit den Elstern, schleicht sich, natürlich unter falschem Namen, bei den Wachen ein. Doch seinen Traum, den Leibwächtern des Monarchen beizutreten, kann er beerdigen. Ausgerechnet er, der nie ein Buch zur Hand nahm, der selbst nicht lesen kann wird zur Bewachung des Tors zur Bücherstadt Paramythia eingeteilt - ein langweiliger, ereignisloser Dienst, der zudem noch wenig Renommee einbringt.

Langweilig allerdings bleibt es nicht lange. Kurz nach seinem Dienstantritt begegnen Sam in den Fluren der unterirdischen Bibliothek Wesen, die er nur aus Märchen kennt. Geflügelte Frauen (Asfuras), Iblisse, Pferdemenschen (Nushishan), Wüstenhexen und eine Dienerin, Tochter eines Professors, die mehr über diese Wesen zu wissen scheint.

Gemeinsam machen sie sich an die Auflösung des Rätsels - woher die Märchenwesen kommen, wie dies mit der Beraterin zusammenhängt und wer sich unter den Helmen der Leibwache des Königs verbirgt.

Doch merke, Neugier kann tödlich sein wie sie nur zu bald feststellen müssen, als sie immer tiefer ins Labyrinth der Bibliothek vordringen und die Lügen der Mächtigen durchschauen…


Akram El-Bahay hat die orientalische Fantasy bei uns erst richtig heimisch gemacht. In seiner preisgekrönten „Flammenwüste“-Trilogie berichtete er uns zum ersten Mal von den Zaubern des Orients, nun beginnt er eine neue Trilogie. Erneut hat er als Handlungsort die uns so fremde Welt des Morgenlands gewählt und uns mit einer mehr als ungewöhnlichen Bühne fasziniert.

Man stelle sich das einmal vor: von Riesen vor Urzeiten als deren Heimat mittels Zauber tief ins Erdinnere gebaut, eine leere Stadt voller Wunder, Gänge und Regale. Diese kilometerlang gefüllt mit dem, was Leser in aller Regel am Meisten wertschätzen - Bücher. Dazu gesellen sich Überlieferungen, Wesen direkt aus den Sagen und ein ebenso launischer wie sympathischer Dieb, der seriös werden will.

Dies alles verbindet sich, stilistisch unauffällig und inhaltlich faszinierend zu einem temporeichen Mix, der seine Rezipienten förmlich an die Seiten fesselt. Das hat Pepp, viel Flair und jede Menge Überraschungen für seine Leser in Petto.

Es mag sein, dass Sam so manches Mal ein wenig zu impulsiv agiert, dass er gar zu leicht aus gefährlichen Situationen fliehen kann; allein die Idee der Bücherstadt unter der Stadt, die so fremden aber eben auch faszinierenden Wesen aus den Sagen und unser Filou von Erzähler lassen einen die Seiten schnell umschlagen.

Nach dem fulminanten Finale möchte man natürlich am liebsten gleich weiterlesen, doch der zweite Band wird leider noch ein wenig auf sich warten lassen.