Wonder Woman: Das erste Jahr (Comic)

Wonder Woman: Das erste Jahr
(Wonder Woman: Year One, 2016/2017)
Autor: Greg Rucka
Zeichner: Nicola Scott, Bilquis Evely
Übersetzung: Ralph Krum
Panini, 2017, Paperback, 148 Seiten, 16,99 EUR, ISBN 978-3-7416-0110-1

Rezension von Irene Salzmann

Seit Generationen leben die Amazonen abgeschieden vom Rest der Welt auf der Paradiesinsel Themyscira. Dann durchbricht ein Flugzeug die Abschirmung. Die Crew stirbt beim Absturz, ausgenommen der Soldat Steve Trevor, der gesund gepflegt wird. Königin Hippolyta und ihre Ratgeberinnen glauben, dass ihr Gast ein Zeichen der Götter sei, das sie zum Handeln auffordert.

Nachdem Diana, die Tochter der Königin, aus den Spielen als Siegerin hervorging, wird sie zur Auserwählten gekürt, die Steve in seine Welt zurückbringen, dort als Botschafterin ihres Volkes agieren und den Menschen gegen eine drohende Gefahr beistehen soll. Die Ehre geht jedoch auch mit Verlusten einher: Diana wird (vorerst) ihre Heimat nie wieder betreten können und muss ihre Unsterblichkeit aufgeben. Das alles schreckt die mutige Prinzessin nicht ab.

Der Empfang in der von Männern dominierten, ihr fremden Welt ist jedoch anders als erwartet. Erst als die sprachlichen Probleme mit Hilfe der Archäologin Barbara Ann Minerva, die einst nach den Amazonen forschte und ihrem Ziel näher kam, als sie selbst ahnt, gelöst werden, gelingt die Verständigung. Und das gerade noch rechtzeitig. Denn unvermittelt werden Diana, ihre neuen Freunde und friedliche Passanten angegriffen. Die Terroristen gehören der sogenannten Sear-Gruppe an, die weltweit für zahlreiche Anschläge verantwortlich ist und nun ein Virus auf die Menschheit loslassen will, das alle in Mörder verwandelt. Schließlich zeigt derjenige, der hinter allem steckt, sein Gesicht, und er ist auch der Feind der Amazonen.


Die Geschichte von Wonder Woman wurde seit ihrem ersten Auftritt in „All Star Comics“ 8 (1941) mehrmals umgeschrieben, für Alternativ-Erden völlig neu erfunden oder auch nur dem aktuellen Zeitgeist angepasst, der - wie zuletzt - neue Erzählweisen, vielschichtigere Charakterisierungen und Inhalte, welche die Leser gerade sehr bewegen, berücksichtigt.

Nach einem erneuten Relaunch, dem xten „Rebirth“ des DC-Universums, beginnt die Story der Titelheldin in etwa so, wie man sie im Großen und Ganzen kennt: Erstmals gelangt ein Mann auf die Paradiesinsel. Prinzessin Diana als die beste Amazonenkriegerin begleitet ihn in seine Welt, um ihm und den Menschen zu helfen. Im Gegensatz zu früher ist sie jedoch nicht die strahlende Heldin, die sogleich mit ihren Superkräften die kleinen und größeren Probleme zu lösen beginnt, mit denen sie sich konfrontiert sieht, sondern eine junge Frau, die neugierig und zugleich unsicher ist, sich nach einer Aufgabe sehnt und ihre Fähigkeiten zum Wohle vieler einsetzen möchte, selbst wenn sie dafür manches Privileg aufgeben muss.

Man begleitet sie und Steve Trevor in eine vertraute Welt, die man mit Dianas Augen aus einer etwas anderen Perspektive sieht. Eine große Hürde sind die mangelnden Sprachkenntnisse, die sich die frisch gebackene Wonder Woman rasch aneignen muss. Auch ist vieles anders, angefangen bei der Kleidung über das Essen bis hin zu den Sitten und der verwendeten Technologien. Am Auffälligsten ist, dass trotz der Gleichberechtigung meist Männer den Ton angeben, vor allem beim Militär, das zunächst nichts mit der Unbekannten anzufangen weiß und sie prompt einsperrt. Allerdings kann Wonder Woman schnell beweisen, dass sie nicht bloß helfen will, sondern es auch kann, denn mit ihr sind die griechischen Götter, denen sie ihre Gaben verdankt.

Über siebzig Jahre nach dem Debüt der Amazonenprinzessin sind es allerdings nicht mehr Nazis, die bekämpft werden müssen, sondern ein moderner Feind, in diesem Fall eine Gruppe von Terroristen, die jederzeit und überall auf der Welt zuschlagen kann - mit der Begründung, dass sie die Lebensart der Menschen und alles, was sie lieben und verehren, ablehnen. Die Terroristen bringen ihren Hass über Unschuldige und wollen alles zerstören.

Nun, das dürfte jedem sehr bekannt vorkommen in Hinblick auf die schlimmen Ereignisse, die in den letzten Jahren zugenommen haben. Die Autoren und Zeichner vermitteln Kritik und Besorgnis in Metaphern, da auch sie der Political Correctness unterworfen sind und schon ein unbedachtes Wort zu Fehlinterpretationen und weiter zu wenigstens Shitstorms führen kann. Infolgedessen steckt eine mythische Macht hinter den verbrecherischen Plänen, die sich recht weltlicher Mittel bedient, um ihr Ziel zu erreichen. Das Virus funktioniert wie eine Gehirnwäsche und verwandelt die Betroffenen in blutrünstige Mörder. Wonder Woman muss sich sowohl auf ein Duell mit einem übermächtigen Feind einlassen als auch die Giftgasbomben finden, bevor die ganze Welt in die Hände des Feindes fällt.

Die Inszenierung ist spannend und überzeugend, die Geschehnisse treffen den Nerv des Lesers, der sich - wie vor über siebzig Jahren - Helden wünscht, welche die Menschheit beschützen und Fanatiker unschädlich machen, damit die Welt wieder sicherer wird.

Verfasst wurde der in sich abgeschlossene Band, der mit sieben Episoden aufwartet, von Greg Rucka („The Batman Chronicles“, „Batwoman“, „Black Widow“), illustriert von Nicola Scott („Star Wars“, „Birds of Prey“, „Teen Titans“), Bilquis Evely („Batman“, „Legends of Tomorrow“, „DC Comics Bombshells“) und Romulo Fajardo Jr. („Batgirl“, „Fairest“, „Midnighter“).

Die Zeichnungen sind realistisch-idealistisch, ansprechend koloriert und sehr gefällig.

Bleibt das hohe Niveau erhalten, verfolgt man gern Wonder Womans weitere Abenteuer.